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Wien wird tapfer

Offizielles Gruß-Enthebungszeichen, zu kaufen um 2 Kronen pro Stück. Einnahmen kommen der Kriegsfürsorge zugute.

Plakat,
WBR, PS, P-3502

An Wien-Feuilletons in deutschen Zeitungen mangelt es in dieser Zeit wahrlich nicht. Dabei werden komplett diver­gierende Diskurse über die Stimmung in Wien geführt, die letzten Endes ein einheitliches Ziel haben: Sie sollen Wissen und Sympathie fördern. Sind für die einen die Wirtshäuser leer wie nie zuvor, so sind sie für andere gefüllt wie immer.

 

Der Schriftsteller Carl Marilaun findet „Das verwandelte Wien“ vor, die Melodie der Stadt ist jetzt das kriegerisch-heitere Lied Prinz Eugen, der edle Ritter. Durch Jahrzehnte hindurch hat Wien das Image von der „Hauptstadt der Gemütlichkeit“ ge­pflegt. Gäste und Touristen haben es gern übernommen, mit einem Heurigenbesuch in Grinzing und einem Gang durch die Innenstadt war es abzurufen.

 

Jetzt wird ein neues Wien-Bild vermittelt, das der entschlossenen, tapferen Stadt, die den Ernst im Gesicht trägt und unbeirrt durchhält.

 

Lotterie wirbt mit Kriegsbild: Der Hauptgewinn dargestellt als größtes Geschoss aus einer Kanone.

Zeitungsannonce,
Illustrierte Kronen-Zeitung,
1.4.1915, S. 16, WBR

Gäste müs­sen zur Kenntnis nehmen, dass Wien anders geworden ist: „Die Ringelspiele unserer Sonntagsfreuden sind nicht mehr überkomplett, die Walzer tanzt niemand mehr, das Lachen ist schwerer Ernst geworden, der sich nicht allzu oft ein Ausruhen und ein Lächeln gestattet. Und ‚die Stadt der Lieder‘ hat sich ihren Liedermund auch im Kriegsjahr nicht verbinden lassen, aber es waren Kriegslieder. […] Wienerisch ist es, sein schwe­res Herz mit einem Lied auf den Lippen Lügen zu strafen, den Freund für den Sonntag einzuladen und bei der Arbeit der Woche schön unter sich zu bleiben.“ (FZ 13.8.1915, ähnlich: KZ 14.11.1915)

 

Für den Feuilletonisten der Kölnischen Zeitung ist alles wie gehabt. Wien verströmt Lebenslust, gibt sich mit Inbrunst den Speisekarten hin, die sich nicht verändert haben. An den „fleischlosen Tagen“ weicht man auf die Innereien aus, auf Lamm und Fisch, auf Gansl- und Entenbraten:

 

„Wer noch daran gezweifelt hat, daß Wien eine lustige Stadt ist, der gehe jetzt inmitten des Kriegstrubels in den Prater […] Ihr äußeres Bild zeigt dieselben Züge wie im Frieden, und wären nicht die vielen hechtgrauen Uniformen, die verwundeten und invaliden Krieger, die Rote-Kreuz-Schwestern, die Trauerkleider, die das Kaleidoskop des Straßenbildes bereichern, niemand würde aus dem Straßentreiben schlie­ßen können, daß der Kriegsgott über dieser Stadt seine Geißel schwingt. Der Geschäftsver­kehr braust wie gewöhnlich durch die Straßen, die Kaffee­häuser sind in allen Tages- und Nachtzeiten voller Menschen, in den Wirtshäusern klappern die Bier- und Weingläser und die Teller bis spät in die Nacht, die Kinos locken durch schreiende Bilder aus dem Szenarium ihrer Schauerdramen ihr Publikum, das sich vor jeder Vorstellung zu ihren Kassen drängt, der Korsostrom flutet vielleicht noch breiter über die Ringstraße, die Kärntner Straße und den Graben, und die Frauenwelt geht nicht sparsamer um mit ihren Reizen. Aber am kräftigsten schlägt einem die unerschütterliche Lebenslust dieser Stadt entgegen im Prater.“ (KZ 16.8.1915)

 

Text: "Junger Kriegsinvalide (Fehler äußerlich nicht bemerkbar) sucht ehrbare Bekanntschaft eines jüngeren, häuslichen, wenn auch armen Fräuleins. Anträge mit Bild an die Redaktion unter 'Fachlehrer'".

Kontaktanzeige,
Illustrierte Kronen-Zeitung, 15.8.1915, S. 16, WBR

Auch Felix Salten will als beredter Lobredner der Stadt einen Dienst erweisen und preist im Berliner Tagblatt die „Diskretion“ der Wiener:

 

„Sie nahmen die Brotkarte mit der­selben heiteren Gelassenheit hin wie die fleischlosen Tage und sie fügen sich jetzt mit dem besten Humor in den Verzicht auf den Jausenkaffee. […] Man nimmt sie einfach hin, richtet sich danach ein und spricht nicht darüber. […] Denn das Durch­halten ist selbstverständlich, es wird einfach geschafft. Aber man liebt es nicht, daß darüber mit Pathos geredet wird. Er­füllt ein Mensch seine Pflicht, dann ist man hier gern bereit, ihn – ohne Verwunderung – zu achten. Sowie er aber anfängt, zu deklamieren: ich erfülle meine Pflicht! […] macht er sich lächerlich.“ (zitiert nach: AZ 21.1.1916) Die Arbeiter-Zeitung nennt dies angewidert „Feuilletonschmalz“. (AZ 21.1.1916)

 

 

Für Alfred Polgar ist bei Jahresende 1915 Tristesse in Wien eingekehrt. Er erzählt vom zunehmenden Desinter­esse am Krieg anhand der „Extra-Ausgaben“, die eine Schar verwahrloster Kinder ab fünf Uhr nachmittags quer durch Wien verkauft. „In den guten alten Zeiten vom vorigen Jahr gehörte es zum Wesen der Extra-Ausgabe, daß die Passanten sie einander ‚aus der Hand rissen‘. Erziehung und Gewöhnung haben es mit sich gebracht, daß derlei Rohheiten nicht mehr vorkommen. Heute muß man niemanden die Extra-Ausgabe entreißen. Jeder läßt sie gern und leicht fallen und sieht es nicht ohne frohe Genugtuung, wenn ein anderer sie aufhebt.“

 

 

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