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Weihnachten ohne Kerzen

Zwei Männer betrachten das dunkle Rathaus. Der eine: "Wenn's die Uhren auch nicht beleuchten, weiß man doch wie viel's g'schlagen hat!"

Das Rathaus in finsteren Zeiten,
Der Morgen, 22.1.1917, S. 9, WBR

Seit 1. September 1917 gibt es die sogenannte Petroleum-und Kerzenkarte, und sie trifft vor allem jene, die in ihrer Woh­nung kein Gas beziehen, also weder mit Gas beleuchten noch kochen, sondern auf Petroleum angewiesen sind.

 

„Hat denn je einer der Herren von der löblichen Kommission nachgedacht, wie lange man mit einem Viertelliter Petroleum ein Zimmer, wie lange man mit einem Achtelliter in der Woche beleuchten kann?“, klagt ein Leser in der Arbeiter-Zeitung und verweist darauf, dass die zugewiesene Menge für kaum mehr als für 15 Minuten täglich reicht. „Und in diesem Zeitraum soll die Arbeiter-, kleine Beamten- und Dienerfrau ihre so nötigen häuslichen Arbeiten verrichten?“ (AZ 2.10.1917) Als Ersatz gibt es für die Wohnungsinhaber, die auf die Petroleumkarte angewiesen sind, zusätzlich vier Kerzen zu je 1/32 Kilogramm. Allen Personen steht pro Monat eine Kerze zu. (ÖVZ 31.10.1917)

 

Diese Kerzennot trifft auch den traditionellen Christlkindl­markt Am Hof, der sich der Notzeit angepasst hat. Statt einer Stadt aus hölzernen Hütten stehen dort vor Weihnachten 1917 nur ein paar Dutzend wacklige Standeln. „Das Weihnachtsfest steht vor der Tür, aber es sieht so aus, als solle es diesmal ein Fest für Kriegsgewinner werden und die Weihnachtsfreude auf diese glückliche Menschenklasse beschränkt bleiben. Ein Spaziergang durch die Innere Stadt bestärkt denjenigen, der die Auslagen betrachtet, in dieser Annahme, da selbst die geringfügigsten Gegenstände nur zu kaum er­schwinglichen Preisen zu haben sind. Bei den Christbäumen fängt es an.“ (ÖVZ 16.12.1917)

 

Klimtgemälde mit abgemagerter Frau und dunklen Farben statt der üblichen Goldflächen

Wiens einst glanzvolle Damenwelt – abgemagert und devastiert.
Französische Karikatur auf Klimts Malerei,
La Baïonnette, 31.5.1917, S. 348, WBR

Christbaumkerzen aus Stearin sind überhaupt nicht zu haben, gelegentlich sol­che aus Wachs, allerdings sind diese sehr teuer. Meist sind sie ausverkauft. Manche Standeln knüpfen den Kauf von Kerzen an Bedingungen, sind nur als Beigabe zu Süßig­keiten oder Christbaumschmuck erhältlich, manche geben nur zwei Stück pro Käufer ab. Geschäfte hängen Plakate in die Auslagen: „Keine Kerzen“. Kleine künstliche Bäumchen finden reißenden Absatz.

 

In der Luxusklasse steht ein großes An­gebot zur Verfügung. In der Kärntner Straße werden in Auslagen Pelzmäntel um 20.000 Kronen, Blusen um 200 bis 250 Kronen ange­boten. Juwelierläden haben starken Zulauf. In Spielwarengeschäften gibt es erlesene Puppen um 150 Kronen. Buchhandlungen haben Zu­lauf wie selten zuvor, allerdings treffen auch hier die Kunden auf stark gestiegene Buch­preise.

 

Noch lockt in Spielwarenhandlungen und Katalogen viel Kriegsspielzeug (Mörser, Festungsspiele); im Reisespiel Berlin – Bagdad können Großmachtsphantasien ausgelebt werden. Viel Geld ist im Umlauf; die Höhe des Umsatzes ist um ein Vielfaches gestiegen, aber die Zahl der Käufer wesentlich geringer geworden. Die christlichsoziale Reichspost ätzt mit dem üblichen Antisemitismus und erregt sich darüber, dass sogar jüdische Fa­milien Christbäume einkaufen: „Unfug!“ (RP 23.12.1917)

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