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Und die Kriegsgegner?

Aufruf des Bezirksvorstehers in Hernals, für den Winter vorzusorgen und Gemüse anzubauen

Plakat,
WBR, PS, P-35072

Am 21. Juni 1914 stirbt Bertha von Suttner. Eine der letzten Aktivitäten der Friedensnobelpreisträgerin ist die Vorbereitung des 21. Weltfriedenskongresses. Zusammen mit Alfred Fried, dem anderen österreichischen Friedensnobel­preisträger, hat die Schwerkranke den großen Kongress für den 14. bis 19. September 1914 noch organisiert. In der Vorbereitung wird die Habsburgermonarchie als erfolgreiches Modell für das Zusammenleben der Völker gepriesen; mit diesem Hinweis bekommt man einen Habsburger als Ehrenschutz und das Reichstagsgebäude gratis als Veranstaltungsort.

 

Mit Kriegs­ausbruch ist an einen Kongress nicht mehr zu denken, wird der Pazifismus hinfällig – und gefährlich. Alfred Fried verlässt aus guten Gründen (Überwachung, drohende Anzeige wegen Hoch­verrats, Freunde wechseln ins patriotische Lager) Österreich in Richtung Schweiz (18./19. Oktober 1914).

 

Auch ein anderer großer Kongress findet nicht statt. Für den 21. bis 29. August 1914 soll der X. Internationale Sozi­alistenkongress tagen und sich der Kriegsgefahr entgegen­stellen. Ein Programm gibt es bereits, die Einladungen sind schon ausgeschickt. Die Arbeiter-Zeitung bezieht in der Juli­krise eindeutig Stellung, kontert den Kriegstreibern auf dem Zeitungsmarkt und distanziert sich in aller Deutlichkeit vom Ultimatum an Serbien, in dem man die Vorbereitung zu einem Krieg sieht:

 

„Drohend erhebt sich die Gefahr vor unserem Bli­cke und eine Zukunft eröffnet sich, in der Gut und Blut der Völker im Abgrund versinken. Im Namen dieser, die leiden und darben, schieben wir die Verantwortung für das Unheil, das im Zuge ist, denen zu, die diesen Schritt unternommen, der uns ins schrecklich Bodenlose führt.“ (AZ 24.7.1914) Ähnlich die Resolution der deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten Österreichs am darauffolgenden Tag: „Wir lehnen jede Verant­wortung für diesen Krieg ab.“ (AZ 25.7.1914)

 

Noch vor dem Ablauf des Ultimatums greift der Staatsan­walt mehrmals in die Redaktionsarbeit der Arbeiter-Zeitung ein. Als die Kriegserklärung da ist, ist die Haltung defensiv: „Heute sehen wir, dass die Kräfte, die zum Kriege drängten, stärker waren als wir.“ (AZ 28.7.1914) Jetzt nimmt sich der Parteivorstand angesichts einer möglichen Zerstörung der Organisation zurück, er kapituliert vor der Macht des Staates. „Wohl setzt der Ausnahmezustand, den die Regierung über ganz Österreich verhängt hat, unserer Tätigkeit enge Grenzen. Aber unser Vereinsleben wird, sofern es sich an die durch den Ausnahmezustand eingetretenen gesetzlichen Bestimmungen hält, durch ihn keineswegs berührt.“ (AZ 28.7.1914)

 

Die Partei­führung redet nicht mehr von einem Generalstreik, will auch von Demonstrationen gegen den Krieg nichts wissen, sondern predigt die tapfere Einfügung ins Unvermeidliche: „Zeigt, dass es auch in unseren Reihen keine Fahnenflucht gibt! Dass auch die Männer des Klassenkampfes bis zum letzten Atemzug zu ihren Fahnen stehen!“ (AZ 28.7.1914) Politisch tröstet man sich mit der Geschichtsauffassung, dass Kriege immer Motoren der Veränderung oder gar die Mütter der Revolution waren. Die Sozialdemokratie setzt auf Abwarten und verschreibt sich in den folgenden Monaten der Sozialpolitik.

 

Es kommt der Sozialdemokratie entgegen, dass das Par­lament ausgeschaltet ist; ein offizieller „Burgfrieden“ vor aller Öffentlichkeit, wie dies im Deutschen Reichstag geschehen ist, braucht nicht geschlossen werden. Und dann sitzt (wissent­lich?) die Parteiführung dem Propagandatrick der Regierung auf und schließt sich der These vom Verteidigungskrieg an, vor allem weil es gegen den Zarismus geht. Trotzdem gibt es keine Kundgebungen für den Krieg.

 

Victor Adler pflegt schwermütig die Generallinie der mentalen Reservation, mischt merkwürdig Sieg- und Friedenswillen und versucht sich über alle ausbre­chenden Konflikte in der Partei zu stellen. Aufsehen erregt die pathetische deutschnationale Begeisterung, die manchen Leit­artikel Friedrich Austerlitz‘ (Der Tag der deutschen Nation, Nach Paris) erfüllt. Bei manchen deutschnationalen Sozialdemokraten herrscht Hurrah-Stimmung. Wenige Wochen später folgt in der Arbeiter-Zeitung die Ernüchterung.

 

Fast alle Schriftsteller und Künstler geben zu Kriegsbe­ginn jede Oppositionshaltung auf, gehen auf patriotischen Kurs und publizieren entsprechend, sie melden sich freiwillig zum Kriegsdienst oder dienen sich dem Kriegspressequartier an, oder sie machen sich durch Kriegslyrik, Kriegsmalerei, Kriegsmusik, Kriegsoperetten oder Kriegsbetrachtungen er­bötig. Bürgermeister Weiskirchner erhält viele Bücher mit Widmungen. Immerhin bleiben einige Größen wie Arthur Schnitzler auch in den Tagen des Taumels stumm.

 

Als einige Wochen später die Niederlagen und Verlustlisten für ein böses Erwachen sorgen, keimen die Zweifel. Literaten und Intellek­tuelle beginnen sich um das Zusammenleben der Völker nach dem Krieg zu sorgen, beobachten das große Leid ringsum oder schreiben an ersten Gegenreden gegen die Mär vom „Krieg als Erzieher“. Sigmund Freud verfasst im Februar 1915 den Essay „Die Enttäuschung des Krieges“ und reibt sich an den Paradoxa: „die geringe Sittlichkeit der Staaten nach außen, die sich nach innen als die Wächter der sittlichen Normen gebärden, und die Bruta­lität im Benehmen der Einzelnen, denen man als Teilnehmer an der höchsten menschlichen Kultur ähn­liches nicht zugetraut hat“.

 

Karl Kraus rechnet mit den Illusionen und Torheiten dieses Krieges am konsequentesten und radikalsten mittels Sprachanalyse und Ideologiekritik ab. Sein spekta­kulärer Auftritt im Wiener Konzert­haus am 19. November 1914 ist für viele eine Offenbarung. Noch ist sein Pamphlet In dieser großen Zeit keine Abrechnung mit dem Krieg, aber die beschönigenden Lügen und leicht­fertigen Selbsttäuschungen, die ihn romantisierend propagieren und be­schämend die Realität des Krieges und der Soldaten verhöhnen, werden mit Spott überschüttet.

 

„Noch nie vorher hat es einen so stürmischen Anschluß an die Banalität gegeben und die Aufopferung der führenden Geister ist so rapid, daß der Verdacht entsteht, sie hätten kein Selbst aufzuopfern gehabt, sondern handelten vielmehr aus der heroischen Überlegung, sich dorthin zu retten, wo es jetzt am sichersten ist: in die Phrase.“ (Die Fackel, Dezember 1914)

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