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Die serbische Schmach

Zeitungsillustration: Uniformierte transportieren ermordetes Thronfolger-Ehepaar ab

Der sterbende Thronfolger und seine tote Frau im Konak von Sarajevo, Illustrierte Kronen-Zeitung, 1.7.1914, S.1, UB

Am 27. Juni 1914 reist Kaiser Franz Joseph nach seinem Sommersitz in Ischl ab. Die Abfahrt wird als öffentliches Er­eignis zelebriert; viele wünschen dem Kaiser, der gerade von einer schweren Krankheit geheilt ist, beste Genesung im Salz­kammergut. Doch kaum angekommen, schreckt das Attentat von Sarajevo die Welt auf.

 

Am Sonntag, den 28. Juni 1914, ermordet Gavrilo Princip, ein bosnischer Student serbischer Nationalität, Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau. Wien verlangt ein Ende der von Serbien zugefügten Schmach und sendet kriegerische Drohungen aus. Von öster­reichischer Seite wird von Anfang an gemutmaßt, dass die Hintermänner der Tat in Belgrad sitzen.

In Sarajevo gibt es bei patriotischen Kundgebungen Ausschreitungen gegen Serben und serbische Geschäfte. Die Stadt gleicht einem Scherben­haufen. In Bosnien wird das Standrecht ausgerufen. Im Agra­mer Landtag werden in einer turbulenten Sitzung serbische Abgeordnete als Hochverräter beschuldigt, in der Stadt kommt es zu serbenfeindlichen Demonstrationen, Schaufenster ser­bischer Kaffeehäuser werden zertrümmert, das Haus eines Serbenführers wird vom nationalistischen Mob demoliert.

 

In Wien gibt es an den Abenden des 1. und 2. Juli 1914 heftige Demonstrationen gegen die serbische Botschaft am Standort Paulanergasse 4. Die demonstrierenden Studenten verbren­nen eine serbische Flagge;  besonders verhasst ist ihnen, dass der schwarze Trauerflor an der vor der Botschaft hängenden Fahne nur schmal ist: „Die Fahne [muss] weg, oba mit ihr.“ (AZ 3.7.1914) Wachleute werden mit Steinen beworfen, ein Polizeipferd büßt ein Auge ein, um Mitternacht tobt eine Schlacht, in der es mehrere Verletzte gibt. Auch in der Innen­stadt kommt es zu bedrohlichen Ansammlungen, so vor dem Hotel Imperial, wo gerade ein Vertreter des neuen albanischen States logiert. Demonstranten halten die für diesen Besuch gehisste Flagge für die Serbiens. Wachleute wehren ein Eindringen in das Hotel ab.

 

Am 2. Juli 1914 kommen die Lei­chen des ermordeten Thronfolgerpaa­res auf dem Südbahnhof an. Ein großes Begräbnis findet „mit Rücksicht auf den greisen Monarchen“ nicht statt, Staatsoberhäupter werden nicht ein­geladen, nur Botschafter. Der deutsche Kaiser Wilhelm II., ein persönlicher Freund Franz Ferdinands, kündigt sich zwar an, sagt aber kurzfristig aus angeblich ge­sundheitlichen Gründen ab. Die feierliche Einsegnung in der räumlich kleinen Hofburgkapelle am Freitag, den 3. Juli, fällt durch die Absenz jeglichen Prunks und die auffallende Kürze des Zeremoniells auf. Das Kaiserhaus will keinen Staatsakt für den ungeliebten Thronfolger und seine „morganatische“ Frau. Tags darauf fin­det die Beisetzung in Artstetten statt.

 

 

Schlagzeilen am Tag nach dem Attentat in Sarajevo

Pressemeldung am Tag nach dem Attentat, Illustrierte Kronen-Zeitung, 29.6.1914, S. 1, UB

Wiener Tageszeitungen verlangen trotz einer offiziellen Beileidskundgebung der serbischen Staatsführung den Krieg. In Belgrad kommentieren einige serbische Zeitungen den Mord als Sühne dafür, dass der Einzug des Thronfolgers just am Vidovdan statt­fand, dem großen nationalen Feiertag der Serben, der an die Schlacht auf dem Amselfeld erinnert; solche Pressereaktionen heizen trotz offizieller serbischer Beileidsbekundungen in Österreich die These von einer Täter­schaft beziehungsweise zumindest Mittäterschaft des Königreichs an.

 

Das k. k. Korrespondenzbureau schürt in Wien die antiserbische Stimmung, indem es entgegen den üblichen Gepflogenheiten die Österreich-feindlichen Auslassungen einzelner serbischer Organe an die heimische Presse weiterreicht. Die Regierung unter Nikola Pašic, die einer nationalistischen Opposition ge­genübersteht, tut zwar alles Mögliche, um Wien zu beruhigen, aber erste Spuren beim Prozess gegen Gavrilo Princip und andere Mitverschwörer führen nach Serbien. Erst nach Ende des Krieges wird bekannt, dass der Chef der Nachrichtenab­teilung des serbischen Generalstabes, Dragutin Dimitrijevic, als führendes Mitglied einer Verschwörergruppe das Attentat geplant hat.

 

Die Haltung des Kaisers und der führenden Militärs und Politiker ist eindeutig: Man will den Krieg. Graf Hoyos wird nach Berlin geschickt, um die Haltung des Deutschen Reiches zu sondieren (3. bis 6. Juli 1914). Er kehrt mit einem „Blankoscheck“, einer Rückdeckung für einen Krieg, zurück. Am Dienstag, den 7. Juli 1914, fallen im Ministerrat die Vorentscheidungen. Die Habsburgermonarchie ist entschlossen, die Ermordung des Thronfolgers und das in Europa weit­verbreitete Verständnis für eine berechtigte Genugtuung als Anlass für einen Feldzug gegen Serbien zu nützen.

 

Ein Krieg soll eine dauerhafte Lösung in der Südslawen-Frage bringen. Der Reichstag ist seit 16. März 1914 vom Kaiser auf Vorschlag der Regierung unter Karl Graf Stürgkh „vertagt“ worden, allein wegen möglicher slawischer und sozialdemokratischer Obstruktion denkt man nicht daran, ihn in der Julikrise einzu­berufen und über den Krieg abstimmen zu lassen.

 

Nach außen signalisiert Österreich-Ungarn freilich eine ruhige, pragmatische, friedliche Haltung. Bereits die Regie rund um das Begräbnis von Kronprinz Franz Ferdinand und seiner Frau ist so angelegt, dass man allen Vermittlungsversu­chen, vor allem Großbritanniens, aus dem Weg geht. Ein Dop­pelspiel wird aufgezogen, das erst nach der Veröffentlichung der Dokumente im November 1918 voll durchschaut wird. (AZ 26.11.1918)

 

Der Kaiser begibt sich nach Ischl auf Sommerfri­sche, Kriegsminister und Landesverteidigungsminister gehen auf Urlaub, Armeeoberkommandant Conrad von Hötzendorf reist zum Urlauben nach Toblach ab. Der ungarische Minis­terpräsident István Tisza gibt im ungarischen Abgeordneten­hause Tag für Tag beruhigende Erklärungen ab. Außenminister Leopold Berchtold fährt nach Absendung des Ultimatums nach Ischl, damit keiner der ausländischen Diplomaten, die Ver­mittlungsvorschläge übermitteln könnten, ihn erreichen kann.

 

Wien und Berlin bereiten den Krieg vor, unter anderem mit Erfindungen, die für Empörung sorgen und die Bevölkerung auf einen „Verteidigungskrieg“ einschwören: Die deutschen Zeitungen berichten von einer Bombardierung Nürnbergs, die österreichischen von einem serbischen Überfall auf den öster­reichischen Grenzort Temes Kubin.

 

6 Kommentare

  • Donnerstag, der 31. Juli 2014 um 20:12 von Smutny Franz | Permalink

    Zu Zängl!
    Es war sicher nicht nur jungendlicher Enthusiasmus,sondern auch sicher Erwachsenen-Philosophie.Denn es war ein aufbegehren der Untertanen, die SIE nicht mehr sein wollten. Das es zum Weltkrieg wurde konnte keiner vorher sehen.

  • Montag, der 28. Juli 2014 um 00:16 von Fred Meier | Permalink

    Ich halte nichts von fanatischem Parteigefassel angesichts dieses Jahres!
    Schon gar nicht in Bezug auf die Sozialdemokratie und deren Umgang mit dem Victor Adlers Verwandtem.

    Man sollte sich selbst ein Bild machen und nicht immer den Parteien nach dem Mund reden!

    Unser rot-schwarzer Parteienbuerokratismus ist heute schlimmer als damals … Gelernt hat man nix daraus, ausser, dass man sich bemüht heute mit dem entsprechenden Wissen, alles besser zu wissen … um dann erst recht nichts anders zu machen!

    Da ist es auch egal welche Partei man sympathisch findet … Diese Struktur hat sich in meinen Augen überholt und ist die Größte Gefahr fuer unsere Demokratie! Denn mit dem was uns als Demokratie verkauft wird, hat Demokratie in seiner eigentlichen Begriffsdefinition gar nichts mehr zu tun!

    • Montag, der 25. August 2014 um 18:47 von dirk Hueber | Permalink

      Wo findet fanatisches Parteigefasel statt? Hier nicht.
      Ihr Zitat:
      „rot-schwarzer Parteienbuerokratismus… schlimmer als damals“ – Gab es damals auch eine rot/schwarze Koalition?
      Ich liebe diese Koalition auch nicht; aber sie als die grösste Gefahr für unsere Demokratie zu halten halt ich für etwas übertrieben.
      Wie ist denn Ihre Definition von Demokratie?

  • Samstag, der 28. Juni 2014 um 09:59 von Alexander Zängl | Permalink

    Der Drang der Freiheit gegen die Unterdrückung einer Gesellschaftsform oder auch der symbolischen Vaterfigur führten das gesamte Europa letztendlich in die Freiheit! Millionen mussten dafür sterben, damit wir heute ein Europa der Chancen, der Toleranz und der Solidarität haben. Achten wir darauf, dass nicht wieder ein fast jugendlicher Enthusiast sich seiner Freiheit beraubt, oder sich unterdrückt fühlt, der erst mit Schüssen darauf aufmerksam macht, das Veränderungen notwendig sind! Hören wir auf unsere Jugend in Europa, und machen wir Alten nicht den gleichen Fehler, wie die Alten vor 100 Jahren! Fördern wird die Jungen und deren Zukunft! Es lebe die Freiheit und die Sozialdemokratie!

  • Montag, der 18. November 2013 um 08:59 von ml | Permalink

    sehr zu empfehlen: Christopher Clark, Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, 2013

    • Montag, der 30. Juni 2014 um 17:36 von Jörg Hauf | Permalink

      Nein. Die Schlafwandler kann ich nicht empfehlen. Clark wird jetzt überall herumgereicht, weil er die Schuldigen am Krieg, diesem furchtbaren Verbrechen, freispricht.

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