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„Hab’n s‘ ’s schon g’hört?“

Illustration: Deutscher und österreichischer Soldat schmücken Weihnachtsbaum mit Bomben und anderem Kriegsgerät

Karikatur zur ersten Kriegsweihnacht
Die Muskete, 24.12.1914, S. 101, WBR

In den Zeitungen fallen die weißen Flecken auf; die Zensur ist aktiv. „Die Wiener Zensoren nähren einen wilden Abscheu vor der Druckereischwärze und lassen dieser Leidenschaft jeden Tag die Zügel schießen. So kommt es, daß eine Art Weißer-Fleck-Typhus wie eine böse ansteckende Krankheit die ganze Presse Oesterreichs befallen hat.“ (FZ 31.3.1915)

 

Der Schriftstellerverein „Concordia“ entschließt sich zu einem Appell an die Regierung. Man fordert die Einschrän­kung der Zensur auf die militärischen Angelegenheiten und verlangt die Freigabe der Kritik in allen anderen Belangen. Die ungleichmäßige Zensur wird angeprangert, auf die größere Freiheit der Zeitungen in Deutschland und in Ungarn verwie­sen. (TR 2.3.1915) Das Armeeoberkommando verteidigt sich. „Die Rücksicht auf den Feind schließt es aus, daß darüber alles gesagt werden darf, was gesagt werden könnte, und die Heeres­leitung, von der solche Mitteilungen gewünscht werden, hat, so lange der Krieg währt, größere Aufgaben, als Kriegsgeschichte zu schreiben.“ (DZ 25.3.1915)

 

Von staatlicher Seite wird be­schworen, daß die heimische Kriegsberichterstattung „nie­mals beschönigen oder lügen und niemals nach Feindesbrauch nur zur Aufmunterung des Volkes Siege erdichten (wird).“ (NWT 24.8.1914) Immer wieder machen den Behörden Gerüchte zu schaffen, so eines, dass „feindliche Aeroplane“ gesichtet und telegraphisch gemeldet.

 

So wird von „ganz verläßlichen Leuten“ gemeldet, „daß vor zirka 8 Uhr 30 abends ein feindli­ches Luftschiff etwa 1500 Meter über einem größerem Fabriksetablissement schwebe, mit Scheinwerfern ausgestattet sei und Licht­blitze à la Morsezeichen gebe! Da sich diese Meldung zwei Tage lang hartnäckig erhielt, wies ein höherer Offizier den meldenden Be­obachter an, ihm dieses ‚feindliche Luftschiff‘ zu zeigen. Und siehe da, es stellte sich heraus, daß es der ‚Jupiter‘ war!“ (NWT 23.8.1914)

 

Am 23. September 1914 bilanziert die Wiener Polizei, dass 526 Hausdurchsuchungen vorgenommen und insgesamt 337 Personen wegen Hochverrates, Majestätsbeleidigung, wegen „Verbreitung falscher und beunruhi­gender Gerüchte und Vorhersagungen“ ange­zeigt wurden. Bei Letzterem werden von acht Tagen bis zu drei Monaten strenger Arrest angedroht. (NWT 25.8.1914) So wird etwa am Bezirksgericht Josefstadt der Fall des Bank­beamten Miroslaw Andrejs verhandelt, der beim Friseur „das Ansehen der Armee herab­setzende Behauptungen“ getan habe. Andrejs wird zu sechs Wochen strengem Arrest verur­teilt, die Böhmische Industrialbank kündigt seine Stellung. (DZ 10.9.1914)

 

Der Reisende Julius Nizl muss sich ebenfalls wegen Verbreitung beunruhigen­der Gerüchte dem Bezirksgericht Josefstadt stellen. Ihm wird vorgeworfen, sich in der Schwemme des Hotelrestaurants „Meißl & Schadn“ ungünstig über die militärische Lage Österreichs geäußert zu haben. Auf Befragen des Richters äußert der Ange­klagte, dass er aus guten Gründen Zweifel am schnellen Sieg Österreichs gehegt und auf den möglichen Verrat von Russophilen an der galizischen Grenze hingewiesen habe. Julius Nizl wird freigesprochen, der Staats­anwaltschaftsvertreter meldet Berufung an. (DZ 12.9.1914)

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