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Schluss mit dem Frieden

Schlagzeilen zum Ablauf des Ultimatums

Pressemeldung zum Ablauf des Ultimatums an Serbien, Illustrierte Kronen-Zeitung, 26.7.1914, S. 1, UB

Gewitterstimmung in Wien, nicht nur meteorologisch. Am 23. Juli 1914 wird ein Ultimatum in Belgrad übergeben. Wien geht davon aus, dass Belgrad nicht annehmen kann. Die Kriegs­erklärung ist bereits vorbereitet. Verschiedene Kundgebungen heizen die Stimmung an.

 

Der christlichsoziale Reichsratsabge­ordnete Heinrich Mataja bereitet bei einer Massenkundgebung in Wickenhausers Restauration „Zum städtischen Bad“ bereits die Entscheidung vor: „Jetzt ist Schluss mit dem Frieden um jeden Preis.“ Österreich-Ungarn habe das Recht, am Balkan de­finitiv Ruhe herzustellen. Vor die Wahl gestellt zwischen Krieg und Zugrundegehen, müsse ein tatkräftiges und gefürchtetes Österreich das Recht mit Waffen erkämpfen. Oder Serbien solle vor allen Forderungen kapitulieren. „Was der Würde der serbischen Regierung entspricht, ist gleichgültig.“ (RP 25.7.1914)

 Serbien kommt nicht weit genug entgegen

Am 25. Juli 1914 machen Gerüchte die Runde, dass Serbien die Bedingun­gen angenommen habe. Tatsächlich ist die Antwort der serbischen Regierung weitgehend zustimmend. Eine Mit­wirkung von k.u.k.-Organen bei der Untersuchung des Attentats auf serbi­schem Hoheitsgebiet wird allerdings abgelehnt, weil die Pašic-Regierung befürchtet, von der nationalistischen Opposition als “Söldling Wiens“ abge­stempelt zu werden. Der österreichische Botschafter, Freiherr von Giesl, reist aus Belgrad ab; die diplomatischen Beziehun­gen werden abgebrochen.

Vor den Redaktionen in Wien warten immer mehr Leute auf die Extraausgaben. Um 19 Uhr ist endlich klar, dass die Entscheidung gefallen ist: Krieg. Den Extrablattverkäufern reißt man die Zeitungen aus den Händen. Menschen ziehen jubelnd mit Hurrah-Rufen durch die Stadt, in den Straßen ertönt das Andreas-Hofer- Lied, die alte Kaiserhymne, das Prinz-Eugen-Lied, Oh du mein Österreich oder Die Wacht am Rhein. Von den Fenstern der Häuser wird mit Tüchern gewunken. Straßenbahnen, Auto­mobile oder Autobusse werden mit patriotischen Gesängen willkommen geheißen. Die habsburgischen Denkmäler werden als Treffpunkt oder Rednertribünen verwendet. Die Ablösung der Burgwache vor der Hofburg, die von der Regimentsmusik der Deutschmeister musikalisch begleitet wird, wird zum fei­erlichen Akt; die Anwesenden nehmen die Hüte vom Kopf und lassen den Kaiser dreimal hochleben.

 

Allerorten in der Inneren Stadt herrscht patriotische Begeisterung. Vor dem Gebäude des Kriegsministeriums findet der Enthusiasmus seinen Höhe­punkt; über zehntausend Menschen drängen sich vor die hell erleuchteten Fenster und stehen Spalier für die einfahrenden Militärfahrzeuge mit den Offizieren. Auch vor der italienischen Botschaft kommt es zu Begeisterungskundgebungen. Die Poli­zei schützt die russische Botschaft in der Reisnerstraße, wohin etwa 2.000 Personen vom Getreidemarkt her in Anmarsch sind. Erst recht wird die serbische Gesandtschaft in der Paulaner­gasse in Wieden durch berittene Wachabteilungen zerniert. Noch um Mitternacht zieht eine große Menschenmenge mit schwarz-gelben Fahnen singend durch die Innenstadt. Zeitun­gen berichten darüber, dass Demonstrationszüge auch aus den äußeren Bezirken Meidling, Hernals, Ottakring, Kaisermühlen und Leopoldau ins Zentrum gekommen sind.

Farbige Karikatur: Drei Männer in Uniform tauchen Hände in Schüssel mit Blut; Bildtext: "Wir waschen unsere Hände in Unschuld!"

Karikatur der drei Schuldigen: der serbische König,
der montenegrinische König, der russische Zar,
Die Muskete, 16.7.1914, S. 121, WBR

Will man der Arbeiter-Zeitung glauben, ist die Kriegsbegeisterung in den Vorstädten gedämpft oder gemischt mit Skepsis und Ablehnung. Bei vielen Menschen in Ottakring oder Favoriten löst die Nachricht vom Kriegsbeginn Sorge, Ernst und Schweigen aus, bis­weilen wird sie mit Gleichmütigkeit und Apathie hingenommen. „Krieg is ka Hetz!“, kontert eine Frau grölen­den Burschen. Die Abenteuerlust der Jungen steht der Skepsis der Älteren entgegen. (AZ 26.7.1914) Auch Artillerie-Oberleutnant Constantin Schneider beobachtet in seinen Kriegserinnerungen 1914 bis 1919 ein Schwanken zwi­schen sensationslüsternem Jubel und gedrückter Stimmung.

 

Der Kaiser ist nach wie vor in Ischl, verfügt von dort aus be­reits eine Reihe wichtiger kaiserlicher Notstandsgesetze. Die Ausrufung des Ausnahmezustands bedeutet unter anderem ein Ende der Vereins- und Versammlungsfreiheit, die Einschrän­kung der Postdienste und die Überwachung des Telefonver­kehrs; Briefgeheimnis und Pressefreiheit werden aufgehoben, die Geschworenengerichte abgeschafft, die Landtage in der österreichischen Reichshälfte (also auch in Niederösterreich, dem Wien zugehört) geschlossen, die kom­munalen Selbstverwaltungen den zentralistischen Direktiven unterworfen. Das „Kriegsüberwachungs­amt“ beginnt mit seiner umfassenden Kontrollarbeit. Die Arbeits­pflicht erfasst theoretisch alle Män­ner bis zum 50. Lebensjahr. Die kai­serlichen Notstandsgesetze sind die Basis dafür, dass die österreichische Reichshälfte in den kommenden Jahren einer Militärdiktatur gleicht.

 

Die Vergütungen des Kriegs­dienstleistungsgesetzes für Requi­rierungen werden in den Zeitungen publiziert: Für ein zweispänniges Pferdefuhrwerk gibt es pro Tag 4 Kronen, für ein Motorrad ohne Bei­wagen ebenfalls 4 Kronen, für Brieftauben 1 Krone 50 Heller pro Stück. Die Tagesrationen für die künftigen Soldaten sind reichlich bemessen, immerhin sind 400 g Rindfleisch und 50 cl Wein vorgesehen. In den Zeitungen wird betont, dass sich die Soldaten aus den unteren Schichten „im Zivil ein solches Essen nicht leisten können.“ (ODRS 27.8.1914) Die Einberufung zur Armee soll attraktiv sein. (siehe auch: WUGB 13.8.1915)

Aufsehen erregt ein gut gekleideter Mann auf dem Stock-im-Eisen-Platz, der 10-Kronen-Noten an die jungen, vorbeiziehenden Soldaten überreicht. In den Pfarr- und Klos­terkirchen schließen die Priester ihre Sonntagspredigt am 26. Juli mit einem Gebet für den guten Ausgang des Krieges. Der Enthusiasmus erreicht an diesem Tag seinen Höhepunkt, als bei Anbruch der Abenddämmerung ein Dragonerregiment in marschmäßiger Ausrüstung über den Ring zum Kriegsmi­nisterium reitet.

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