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Sammelwagen

Zeitungsannonce: Heute Metallsammeltag.

Ankündigung in der Tagespresse,
Illustrierte Kronen-Zeitung,
30.4.1915, S. 9, WBR

Das Jahr 1915 wird zum Jahr der großen Spendenakti­onen und unermüdlichen Sammlungen. Höchst erfolgreich konkurrieren zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen um Gunst und Geld des Publikums. In der öffentlichen Wahrneh­mung am spektakulärsten ist der „Wehrmann im Eisen“ am Schwarzenbergplatz, der am 6. März 1915 eröffnet wird. Auch in den Bezirken sollen Nageldenkmäler Geld für Fürsorgezwe­cke beschaffen.

 

Ebenso Aufsehen erregend sind die 18 Sammelwagen, die in der Stadt unterwegs sind. Sie füllen sich schnell mit Spenden oder überflüssigem Hausrat. Die Idee ist aus dem Deutschen Reich übernommen worden. Ein adeliges Komitee unter Anführung der Marie von Schlumberger organisiert die Fahrten der Trainwagen.

 

In den Depots in der Wickenburg­gasse werden die verschiedenen Dinge sortiert: Lebensmittel und leicht verderbliche Güter er­halten die Spitäler, ebenso Bettzeug und Wäsche, Stöcke und Krücken. Die Wollsachen und der größte Teil der Schokolade und Zigarren gehen ins Feld. Frauen- und Kinderkleider werden für Flüchtlinge bestimmt, Hausrat, Tische, Stühle, Betten an Reservespitäler, Flüchtlingsasyle und Studentenheime verteilt. (NWT 15.1.1915)

 

„Dieser Haussammeldienst ist eine ebenso praktische wie hübsche Einrichtung, obwohl er besonders in den vom modernen Verkehr beleb­ten Straßen, wo die Straßenbahn rollt und wo die Autos dahinsausen, merkwürdig altmodisch anmutet. Langsam, auf dem Straßenpflaster polternd, ziehen die Militärproviantwagen ein­her, die Plachen mit Reisig umwunden. Kleine, aber kräftige Pferde sind den Gefährten vorge­spannt und der Lenker ist ein Trainsoldat, der auf dem Sattelpferd sitzt.

 

Dem Wagenzug geht ein Unteroffizier zur Seite, der die Fahrt leitet, einige Leute, die Armbinden tragen, haben die Aufgabe, die Spenden zu übernehmen und sie einem Soldaten zu reichen, der das Empfangene unter der Pla­che verstaut. Die Vorhut des Zuges bilden Pfadfinderbuben, von denen einer fast ohne Pause auf einer Schalmei bläst, deren wenige Töne durch die Gasse klingen, hinein in die Höfe, zu den Stockwerken empor, in die Wohnungen, hartnäckig und eindringlich lockend und verkündend: der Sammelwagen ist da!“ (AZ 3.1.1915)

 

Zeitungsannonce: Der Sammelwagen kommt Sammeltag im 6. Bezirke: Samstag, dem 29. April.

Ankündigung in der Bezirkszeitung,
Mariahilfer Bezirksbote, 22.4.1916, S. 6, WBR

Zusätzlich zu den Sam­melwagen kommen spezia­lisierte Sammlungen. So hat eine Zentralstelle der patri­otischen Metallsammlung in der Währinger Straße ihre Tätigkeit aufgenommen. Be­sonders abgesehen hat man es auf Zinn: Zinnkapseln, Waschbecken aus Zinn, Ge­fäße, Leuchter, Teller. Auch Bronzestatuetten und Bleirohre sind begehrt. Wertvollere Ge­genstände aus Bronze werden nicht umgegossen, sondern mit Bewilligung des Kriegsministeriums öffentlich versteigert. Der Ertrag soll der Kriegsfürsorge zukommen. (ÖVZ 20.4.1915)

 

Am 28. April 1915 beginnt die große patriotische Metallsammlung von Haus zu Haus. Die Bevölkerung ist aufgerufen, in den Woh­nungen, aber auch in den Dachböden und Kellern Ausschau nach unnützem Hausrat aus Metall zu halten. Besonders be­lobigt werden einige Friseure, die sich bereit erklärt haben, auf ihre Barbierschüsseln zu verzichten. (ÖVZ 28.4.1915) Die Schulen sind an diesem Tag geschlossen, Buben werden an der Metallsammlung beteiligt, sie tragen Ordnerbinden am Arm. (ÖVZ 29.5.1915) Kupfer, Messing und Blei werden dringend in der Munitionsindustrie gebraucht.

 

Am 1. Oktober 1915 eröffnen in allen Wiener Bezirken Einkaufstellen der Metallzentrale. Der Ankauf geht nach Ge­wicht. Der Andrang ist groß. Lastwagen kommen angefahren, Lehrjungen ziehen Handkarren, Männer kommen mit Ruck­säcken vorbei, Frauen mit Markttaschen. Oft sind wertvolle Stücke dabei. Messingkarniesen und Vorhangringe, Badewan­nen und Essbestecke werden zu Geld gemacht.

 

„So greift ein Rad in das andere – das Metall wandert aus allen Winkeln und Ecken in die Metallzentrale, wo es sich für den Verkäufer in Geld, für unsere Armee aber in Geschosse und Hülsen verwan­delt, die uns mithelfen werden, die Feinde niederzuringen.“ (NFP 1.10.1915)

 

Frauen posieren vor großer Ritterskulptur

Der „Wehrmann in Eisen“ auf dem Schwarzenbergplatz –
ein Spektakel,
Die Muskete, 6.5.1915, S. 46, WBR

Töpfe und Pfannen, Nickelkasserollen und Backformen, Papageienkäfig, Messingklinken und Vorhangstangen – sie alle wandern in die Metallsammlung und in die gigantischen Martinsöfen der Rüstungsfabriken, in denen Munition hergestellt wird.

 

Das Kriegsministerium nimmt die letzten Metallschätze der Haushalte, den Nickelreichtum der vornehmen Küche (Mörser, Messingweidling) oder die Kupferkessel bescheide­ner Wirtschaften, ins Visier. Die anfängliche Begeisterung des Publikums verwandelt sich zunehmend in Widerstand. Die Sammler werden verdächtigt, die besten Stücke für sich selbst auf die Seite zu legen.

 

Im Dezember 1915 trifft die Rohstoffsammlung die Au­tobesitzer. Autoreifen werden beschlagnahmt. Da Fiaker oder Taxis absolute Mangelware sind, werden die Reichen, die bis­her mit dem Auto gefahren sind, gezwungen, auf die Straßen­bahn auszuweichen.

 

„Achtungsvoll nahen sich den eleganten Herren und den kostbar gekleideten Damen die Schaffner oder Schaffnerinnen, denn sie erkennen es mit geübtem Blick an der Brillantenfülle auf dem sorgfältig frisierten Kopf der Damen und dem ungewöhnlich hohen Trinkgeld der Herren, daß dies Fahrgäste sind, die nur gezwungenermaßen, sozusagen als ‚Kriegsopfer‘ im dunsterfüllten Straßenbahnwagen neben der vom Kino nach Hause fahrenden Köchin und ihrem Gefreiten sitzen, weil es eine abgeschlossene ‚erste Klasse‘ auf der Wie­ner Elektrischen nicht gibt.“ (DZ 5.12.1914)

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