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Räder müssen rollen für den Sieg

Zeitungsillustration: Gut gelaunte Soldaten in Zugfenster; Text: "Eilgut nach Russland"

Der viel zitierte “Reservistenhumor“
Illustrierte Kronen-Zeitung, 7.8.1914, S. 6, UB

Die vielfach unklare und undeutliche Abfassung der Mo­bilisierungskundmachung stiftet bei den Einberufenen des „Landsturms“ jede Menge Verwirrung und bringt überflüssige Wege und stundenlanges Warten. Tausende Wiener sind schon frühmorgens am Samstag, dem 1. August, unterwegs, um die in den westlichen Bezirken Hietzing, Rudolfsheim und Fünfhaus eingerichteten Mobilisierungskommissionen zu erreichen.

 

Al­lerdings sind diese (manche von ihnen, in Schulen eingerichtet, öffnen erst um 14 Uhr nachmittags) nicht für diesen Ansturm gerüstet. Hunderte Männer versammeln sich ratlos vor den Amtsgebäuden. Beamte schicken die Landsturmpflichtigen aus der Brigittenau wieder nach Hause mit dem Auftrag, am Montag um 8 Uhr wieder zu erscheinen. „Holla, no zwa Täg!“, ruft einer, andere sind erfreut, dass sie ihre Angelegenheiten in etwas mehr Ruhe erledigen können.

Im Nu sind die Straßen­bahnen gefüllt, überall Menschengruppen, die sich zusammen­finden und die Ereignisse besprechen. „Das laute Bekennen der Kriegsbegeisterung ist zurückgedrängt, heute sieht man es den Menschen an, daß jeden von ihnen die Sorge um das Morgen gepackt hat und daß die meisten von ihnen die Frage an das Schicksal beherrscht: Bin ich dabei oder nicht?“ (AZ 2.8.1914)

 

1, 5 Millionen Soldaten werden in der Habsburgermon­archie insgesamt zu den Waffen gerufen. In Wien werden die eingerückten Landsturm-Reservisten in Schulen einquartiert. In den umliegenden Häusern wird alles halbwegs entbehrli­che Bettzeug (Decken etc.) gesammelt, um das Nachtlager der Soldaten zu erleichtern. An manchen Plätzen der Stadt, etwa vor den Volksschulen, bietet sich dem Auge vielfach das bunte Bild eines regelrechten Lagerlebens. Die Leute sind freigiebig, bringen Leckerbissen, Mehlspeisen, Obst und Zigaretten. Mit­ten auf dem Platz sind Feldküchen aufgestellt.

 

„Es naht die Mittagsstunde, der Kessel siedet, der Regimentskoch und seine Gehilfen wischen sich den Schweiß von der Stirn. Von allen Sei­ten wird ihnen Hilfe zuteil. Hier schälen Buben und Mädchen rasch noch einige Kartoffeln. […] Das alles sieht manchmal aus wie eine große und sonderbare Familie, die in friedlichem Beisammensein auf der Gasse kampiert.“ (NWT 10.8.1914)

Kundmachung zur Beistellung von Offizierszimmern, Mannschaftsschlafstellen, Pferdeständen und Mannschaftskost für die außerhalb der Kasernen einzuquartierenden Truppen

Plakat
WBR, PS, P-34663

Seit den Nachtstunden des 6. August sind die Wiener Bahnhöfe das Wanderziel von Zehntausenden. Die Angehörigen und Freunde möchten den abmarschierenden Truppen noch einmal Lebewohl sagen. Tische und Bänke sind aufgestellt, an denen die Mannschaften vor der Einwaggonierung ihre Mahl­zeit nehmen.

 

Die Züge sind endlos lang, vierzig und fünfzig Waggons hintereinander, für Mannschaften, Pferde, Gepäck, Munition, Sattelzeug, Mehlvorräte, Transportwagen und alle erdenklichen Ausrüstungsgegenstände. Pferde, die auf hölzer­nen Brücken zu den Lastwaggons empor traben müssen, brin­gen Unruhe ins Geschehen. Aufschriften mit Kreide bezeich­nen, was wohin gehört; sie werden ergänzt durch patriotische und kriegerische Sprüche. Tabak gibt es in Hülle und Fülle. Die Angehörigen stecken den Soldaten vor der Abfahrt eine Fülle von „Liebesgaben“ zu.

 

Infolge der Einberufung ist der öffentliche Verkehr stark in Mitleidenschaft gezogen. Den städtischen Straßenbahnen kommen 56 Prozent der Angestellten abhanden. Der Betrieb wird eingeschränkt, die verbleibenden Wagen sind mehr als überfüllt. Einige Linien des Stellwagenverkehrs werden voll­ständig aufgelassen. Der Stadtbahnverkehr dient ausschließ­lich zum Abtransport von Soldaten und Gütern.

 

Der Lokalver­kehr der Eisenbahnen wird mit einem Notfahrplan betrieben: Wien – Baden anderthalb Stunden, nach Gloggnitz fünf, nach Graz fünfzehn. Erst zu Septemberbeginn werden die zivilen Verkehrsverbindungen auf allen Strecken von und nach Wien wieder teilweise in Betrieb gesetzt; Zeitungen veröffentlichen die entsprechenden Zugnummern.

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