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Warum einem Attentat gegen einen ungeliebten Thronfolger ein Weltkrieg folgen sollte

Keine europäische Großstadt hat im und nach dem Ersten Weltkrieg eine Metamorphose ähnlicher Art erlebt: Wien, zur Hauptstadt eines kleinen Restes eines mächtigen Imperiums degradiert, wurde in Europa zum Synonym für einen umfassenden urbanen Niedergang. Der triste Hungeralltag seiner Einwohnerinnen und Einwohner machte aus der einst glanzvollen Metropole eines Großreiches, in der der Kaiser eines Imperiums von 53 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern residierte, eine „sterbende Stadt“.

Toll vor Aufregung

Zeitungsillustration: Menschenmenge und Soldat bei erbeuteter montenegrinischer Kanone

Erbeutete Waffen auf dem Schwarzenbergplatz,
Illustrierte Kronen-Zeitung, 18.10.1914, S. 5, UB

„Wien ist toll vor Aufregung, vor Hoffen und Bangen.“ (Demophil Frank in seiner Kriegschronik) Wien wartet sehn­süchtig auf Siegesnachrichten. Vor den Zeitungsredaktionen massiert sich regelmäßig die Neugierde. In den Abendstunden marschieren Menschenmassen durch die Innenstadt und war­ten bis in die späte Nacht hinein auf Nachrichten.

 

Auf das Ge­rücht hin, dass „Rußland auf der ganzen Linie geschlagen“ sei, überrennt eine Menge die Polizeiabsperrung vor dem Kriegs­ministerium und fängt zu jubeln an. Sie will diese Freuden­nachricht von am Fenster stehenden Offizieren gehört haben. (AZ 30.8.1914) mehr

Die Toten- und Vermisstenlisten

Die Zeitungen publizieren nach bewährter Tradition die langen Listen der Auszeichnungen und Bestellungen. Neu sind die länger und länger werdenden nummerierten Verlustlisten mit der separaten Anführung der Toten und der Verletzten. Durch Nennung von Rang, Titel und Regiment werden die Opfer für die Angehörigen identifizierbar. Extra ausgewiesen sind „Vermißte Heeresangehörige“ und „Vermißte Flüchtlinge“. Bis Mitte September 1914 gibt es bei der k.u.k.-Armee 400.000 Kriegsverluste (Tote, Verwundete, 100.000 Kriegsgefangene). Kein Wunder, dass bereits im Frühherbst vielfach die Kriegs­begeisterung verflogen ist, dass sich unter der Ebene der medialen Berichterstattung Besorgnis und Verzweiflung breit­machen. mehr

Galizianer in Wien

Durch die Niederlagen im Osten werden Zehntausende in die Flucht getrieben. Vor allem nach dem Fall von Lemberg ver­stärkt sich der Strom der Flüchtlinge. Am 13. September 1914 ist in der Wiener Tageszeitung „Die Zeit“ von 50.000 bis 60.000 „Galizianern“ in Wien die Rede. Die vielen Juden im Kaftan, mit Schläfenlocken und langem Bart, die am Bahnhof stranden, verändern das Stadtbild. Die Israelitische Kultusgemeinde in Wien sieht sich vor ungeheure Anforderungen gestellt. mehr

Hier ist das Wesentliche des Krieges

Aufforderung, zur Impfung mit gewaschenem linken Arm zu erscheinen

Plakat
WBR, PS, P-35125

„Der Zug ist eingefahren. Nun steht er. Und jetzt geschieht etwas Seltsames. Man ist gewohnt, daß ein Zug, der an seinem Bestimmungsort ankommt, eine Welle des Lebens aus seinen Flanken stößt, wie die Maschine die Wolke weißen Dampfes entweichen läßt, die ihm wie ein Lebendiges entströmt. mehr

„Hab’n s‘ ’s schon g’hört?“

Illustration: Deutscher und österreichischer Soldat schmücken Weihnachtsbaum mit Bomben und anderem Kriegsgerät

Karikatur zur ersten Kriegsweihnacht
Die Muskete, 24.12.1914, S. 101, WBR

In den Zeitungen fallen die weißen Flecken auf; die Zensur ist aktiv. „Die Wiener Zensoren nähren einen wilden Abscheu vor der Druckereischwärze und lassen dieser Leidenschaft jeden Tag die Zügel schießen. So kommt es, daß eine Art Weißer-Fleck-Typhus wie eine böse ansteckende Krankheit die ganze Presse Oesterreichs befallen hat.“ (FZ 31.3.1915)

 

Der Schriftstellerverein „Concordia“ entschließt sich zu einem Appell an die Regierung. Man fordert die Einschrän­kung der Zensur auf die militärischen Angelegenheiten und verlangt die Freigabe der Kritik in allen anderen Belangen. Die ungleichmäßige Zensur wird angeprangert, auf die größere Freiheit der Zeitungen in Deutschland und in Ungarn verwie­sen. (TR 2.3.1915) mehr