Zum Inhalt Zum Hauptmenü
Menu

Warum einem Attentat gegen einen ungeliebten Thronfolger ein Weltkrieg folgen sollte

Keine europäische Großstadt hat im und nach dem Ersten Weltkrieg eine Metamorphose ähnlicher Art erlebt: Wien, zur Hauptstadt eines kleinen Restes eines mächtigen Imperiums degradiert, wurde in Europa zum Synonym für einen umfassenden urbanen Niedergang. Der triste Hungeralltag seiner Einwohnerinnen und Einwohner machte aus der einst glanzvollen Metropole eines Großreiches, in der der Kaiser eines Imperiums von 53 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern residierte, eine „sterbende Stadt“.

Gut und Blut für unseren Kaiser!

Zeitungsillustration: Soldaten in Reih und Glied vor geschmückter Stadtbahnstation

Für den Kaisergeburtstag geschmückte Stadtbahnstation
Illustrierte Kronen-Zeitung, 19.8.1914, S. 4, UB

Am 30. Juli kehrt der Kaiser nach Wien zurück. Schon in den frühen Morgenstunden sind die Plätze und Straßen, die er auf seiner Fahrt von der Station Penzing in das Schönbrun­ner Schloss passieren wird, von einer großen Menschenmenge besetzt.

 

Vereine, Korporationen oder Veteranenverbände sind angetreten. Um 12.18 Uhr rollt der Hofsonderzug in den Bahn­hof Penzing ein. Von stürmischen Hochrufen begleitet, fährt der Kaiser in Begleitung von Thronfolger Karl Franz Joseph ins Schönbrunner Schloss und dankt nach allen Seiten. Kinder und Jugendliche sitzen in den Kastanienbäumen und auf der gemauerten Stadtbahnböschung.

mehr

Räder müssen rollen für den Sieg

Zeitungsillustration: Gut gelaunte Soldaten in Zugfenster; Text: "Eilgut nach Russland"

Der viel zitierte “Reservistenhumor“
Illustrierte Kronen-Zeitung, 7.8.1914, S. 6, UB

Die vielfach unklare und undeutliche Abfassung der Mo­bilisierungskundmachung stiftet bei den Einberufenen des „Landsturms“ jede Menge Verwirrung und bringt überflüssige Wege und stundenlanges Warten. Tausende Wiener sind schon frühmorgens am Samstag, dem 1. August, unterwegs, um die in den westlichen Bezirken Hietzing, Rudolfsheim und Fünfhaus eingerichteten Mobilisierungskommissionen zu erreichen.

 

Al­lerdings sind diese (manche von ihnen, in Schulen eingerichtet, öffnen erst um 14 Uhr nachmittags) nicht für diesen Ansturm gerüstet. Hunderte Männer versammeln sich ratlos vor den Amtsgebäuden. Beamte schicken die Landsturmpflichtigen aus der Brigittenau wieder nach Hause mit dem Auftrag, am Montag um 8 Uhr wieder zu erscheinen. „Holla, no zwa Täg!“, ruft einer, andere sind erfreut, dass sie ihre Angelegenheiten in etwas mehr Ruhe erledigen können. mehr

Und die Kriegsgegner?

Aufruf des Bezirksvorstehers in Hernals, für den Winter vorzusorgen und Gemüse anzubauen

Plakat,
WBR, PS, P-35072

Am 21. Juni 1914 stirbt Bertha von Suttner. Eine der letzten Aktivitäten der Friedensnobelpreisträgerin ist die Vorbereitung des 21. Weltfriedenskongresses. Zusammen mit Alfred Fried, dem anderen österreichischen Friedensnobel­preisträger, hat die Schwerkranke den großen Kongress für den 14. bis 19. September 1914 noch organisiert. In der Vorbereitung wird die Habsburgermonarchie als erfolgreiches Modell für das Zusammenleben der Völker gepriesen; mit diesem Hinweis bekommt man einen Habsburger als Ehrenschutz und das Reichstagsgebäude gratis als Veranstaltungsort.

 

Mit Kriegs­ausbruch ist an einen Kongress nicht mehr zu denken, wird der Pazifismus hinfällig – und gefährlich. Alfred Fried verlässt aus guten Gründen (Überwachung, drohende Anzeige wegen Hoch­verrats, Freunde wechseln ins patriotische Lager) Österreich in Richtung Schweiz (18./19. Oktober 1914). mehr

Brückenkopf Wien

Menschen plündern Marktstände

Teuerungskrawalle zu Kriegsbeginn
Illustrierte Kronen-Zeitung, 30.7.1914, S. 7, UB

Die Kriegserklärung am 28. Juli geht einher mit kräftigen Preissteigerungen auf Märkten. Es kommt zu Hamsterkäufen, viele Familien kaufen Mehl und Kartoffeln auf Vorrat ein. Besonders heftig sind die Reaktionen auf dem Yppenmarkt; Bauern, die dort Kartoffeln zu erhöhten Preisen verkaufen, werden tätlich bedroht. Bürgermeister, Vizebürgermeister, Stadträte und städtische Beamte visitieren regelmäßig an den nächsten Tagen verschiedene Märkte und achten auf die Preisnotierungen. Am Favoritner Markt ist einer Frau der Preis eines „Beuschels“ zu hoch. Der Fleischhauer löst mit seiner Antwort – „Gehen S‘ halt nach Serbien, da kriagn S‘ jetzt Beu­scheln g’nua!“ – bei den versammelten Einkäuferinnen große Empörung aus. Sein Stand muss so­fort gesperrt werden. (AZ 31.8.1914) mehr

Fest in deutscher Hand

Aufruf des Deutschmeister-Schützenkorps und des Wiener Bürger-Scharfschützenkorps, sich für die Interessen der deutschen Bevölkerung einzusetzen

Plakat,
WBR, PS, P-231223

Angehörige fremder Nationen sind auf der Straße oder in Straßenbahnwaggons vielfach Belästigungen, Beschimpfun­gen, ja sogar tätlichen Angriffen ausgesetzt, weil sie irrtümlich für Angehörige feindlicher Staaten gehalten werden. So werden Chinesen mit Japanern („Alle Kineser san Japaner!“, heißt die Formel in den Letzten Tagen der Menschheit), Nordamerikaner mit Engländern, Polen mit Russen verwechselt und attackiert.

 

Zeitungen appellieren an die Bevölkerung, Zurückhaltung zu üben, auch wegen des Fremdenverkehrs. Gleichzeitig wird mobilisiert. Der Fremdenhass gibt sich als patriotische Tu­gend und wird auch offiziell gepflegt. Alte, wohlbekannte Ge­schäftsschilder werden entfernt. Es gibt in Wien keine „Stadt Belgrad“ mehr und keine „Stadt Paris“ und keine „Englische Flotte“. In den Luxusgeschäften verschwinden Schilder wie „On parle Français“ und „English spoken“. Die chinesische Gesandtschaft verteilt an alle in Wien lebenden chinesischen Staatsangehörigen Kokarden in den chinesischen Farben. (NWT 27.8.1914) mehr