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Gut und Blut für unseren Kaiser!

Zeitungsillustration: Soldaten in Reih und Glied vor geschmückter Stadtbahnstation

Für den Kaisergeburtstag geschmückte Stadtbahnstation
Illustrierte Kronen-Zeitung, 19.8.1914, S. 4, UB

Am 30. Juli kehrt der Kaiser nach Wien zurück. Schon in den frühen Morgenstunden sind die Plätze und Straßen, die er auf seiner Fahrt von der Station Penzing in das Schönbrun­ner Schloss passieren wird, von einer großen Menschenmenge besetzt.

 

Vereine, Korporationen oder Veteranenverbände sind angetreten. Um 12.18 Uhr rollt der Hofsonderzug in den Bahn­hof Penzing ein. Von stürmischen Hochrufen begleitet, fährt der Kaiser in Begleitung von Thronfolger Karl Franz Joseph ins Schönbrunner Schloss und dankt nach allen Seiten. Kinder und Jugendliche sitzen in den Kastanienbäumen und auf der gemauerten Stadtbahnböschung.

 

Die europäische Krise spitzt sich zu. Selbst das verblüf­fende englische Angebot an Österreich-Ungarn vom 31. Juli, Belgrad bis zur Klärung von Franz Ferdinands Ermordung als Faustpfand zu besetzen und alle Beteiligten an den Verhand­lungstisch zu bringen, wird von den Mittelmächten ignoriert. Sie sind zum Kampf entschlossen und wollen sich nicht mehr davon abbringen lassen. Es zeichnet sich ab, dass es gemäß der Bündnisautomatik nicht bei einem Regionalkrieg bleiben wird, sondern alle großen europäischen Mächte in den Krieg ziehen werden.

 

Bei der russischen Armee wird am 29. Juli die Teilmobilisierung und am 30. Juli die Generalmobilmachung angeordnet, um dem Gegner im Aufmarsch der Armeen nicht unterlegen zu sein bzw. ihm zuvorzukommen. Diese Maß­nahme wird von Berlin und Wien propagandistisch als Beweis genützt, dass sie zu einem Verteidigungskrieg genötigt werden.

 

Am 31. Juli erfolgt die allgemeine Mobilisierung des k.u.k.- Heeres, der Kriegsmarine und der beiden Landwehren. Der 1. August bringt die Kriegserklärung Deutschlands an Russ­land, am 3. August folgt die Deutschlands an Frankreich. Berlin setzt bis zuletzt auf ein Nichteingreifen Londons, aber nach dem deutschen Einmarsch ins neutrale Belgien (ab 4. August) erfolgt die britische Kriegserklärung an das Deutsche Reich. Österreich-Ungarn zieht mit der Kriegserklärung an Russland am 6. August nach.

 

Aufruf an Wiener Bevölkerung, zur Rückkehr des Kaisers am Penzinger Bahnhof zu erscheinen

Plakat,
WBR, PS, P-34691

Der schwarze Koffer wird nun in Wien zum häufigsten Alltagsrequisit: „Noch nie hat man es so oft in den Straßen und auf den Bahnhöfen gesehen, das schwarze Kofferl, jenes plumpe Gepäck, das diejenigen kennzeichnet, denen es beschie­den ist, aus dem ‚Zivil‘  in das zweifarbige Tuch zu schlüpfen. Man kennt es nur zu gut, dieses schwarze, hölzerne Kofferl, in dem der Rekrut die wenigen Habseligkeiten verschlossen hält, die er an seinen Einrückungsort mitnimmt.“ (AZ 2.8.1914)

 

Innerhalb von drei Wochen weitet sich der Konflikt Österreich-Ungarns mit Serbien zum Weltkrieg aus. Mit dem Kriegseintritt Japans gegen die Mittelmächte reicht der Krieg bis nach Ostasien. In Wiener Cafés nimmt man das mit Sarkas­mus zur Kenntnis: „Der alte Marqueur meint: ‘Was nur los is! Schon wieder fünf Minut’n ohne a neuche Kriegserklärung!'“ (AZ 9.8.1914)

 

Das Werben der Mittelmächte zeitigt mit Verspä­tung auch in Konstantinopel Wirkung. Am 25. Oktober 1914 tritt das Osmanische Reich in den Krieg ein. Vor dem türkischen Bot­schaftspalais in der Prinz-Eugen- Straße herrscht am 1. November 1914 lebhaftes Treiben. Am Abend ziehen große Menschenmengen mit riesigen türkischen Fahnen und großen Tafeln – „Hoch die Türkei!“ oder „Hoch der Sultan!“ – vor das Palais. Der Botschafter wird mit Heil- und Hochrufen begrüßt, die Hymnen werden ge­sungen. (NFP 2.11.1914)

2 Kommentare

  • Donnerstag, der 9. Januar 2014 um 20:07 von seidl Christian | Permalink

    Ich finde es sehr gelungen, wenn mehr noch mehr Information möchte , soll er selbst tiefer in die Materie eindringen, für den normalen Bürger sehr informativ.

  • Samstag, der 28. Dezember 2013 um 11:03 von Herbert Stückbauer | Permalink

    Die Wiener Rathausausstellung ist deshalb so „bescheiden“ geraten, damit man das Erinnern in belanglosen Kleinigkeiten erschöpfen kann, ohne auf die wirklichen Triebkräfte und heimlichen Akteure des 100jährigen Krieges des 20sten Jahrhunderts (von 1914 bis heute andauernd!)einzugehen. Das wird sich aber nicht mehr lange verhindern lassen,und die besprochenen Bücher gehen ja weiter ins Detail als alles andere, das seit 1945 bisher veröffentlicht worden ist

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