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Ganz Wien als Kriegsausstellung

Arbeiter mit Maurerkelle krempelt die Ärmel auf. Baumaterial steht bereit. Im Hintergrund schwarz-rot-goldene Fahne und Hausruine. Text: "Arbeiten und nicht verzweifeln!"

Der Neubeginn – Zeichnung,
Die Muskete, 7.11.1918, S. 1, WBR

Der Zerfall der Monarchie zeichnet sich im Oktober deutlich ab. Die einzelnen Völker und Landesteile melden ihre Ansprüche an. Am 21. Oktober 1918 treten im niederös­terreichischen Landhaus auch die deutschen Abgeordneten Österreichs zusammen und erklären sich zur Volksvertretung des Landes Deutsch-Österreich. 22 Tage später ist die Monar­chie Vergangenheit.

 

Das nunmehr republikanische Österreich mit seiner Hauptstadt Wien ist der Rest und wird überdies für den Krieg verantwortlich gemacht. Kaiser Karl will einen Waffenstillstand nicht veranworten und sucht nach Auswegen. So beruft er den Wiener Bürgermeister zu sich und ersucht ihn, am Abend des 28. Oktober 1918 „spontane“ Demonstrationen zu organisieren – was Weiskirchner ablehnt.

 

Wien hat viele Kriegsausstellungen erlebt, besonders die im Prater waren ein großer Publikumserfolg. Der Schützengra­ben, im Herbst 1915 eröffnet, war schon ein Publikumsrenner, wurde aber noch übertroffen durch die Kriegsausstellung der Jahre 1916 und 1917, die die „Schützengraben“-Anlagen weiter­entwickelte und integrierte. Nach dem Zusammenbruch wird die ganze Stadt zum Living Museum.

 

Wien hat, wie Heinrich Leoster schreibt, „wieder eine Kriegsausstellung, und zwar die richtige. Nicht eine, in der gezeigt wird, wie man Krieg führt, sondern wohin der Krieg führt […] Die ausländischen Journa­listen, die eigens zu uns gereist sind, um uns die Knochen am Leibe zu zählen, reißen auch wirklich Mund und Augen auf bei dem, was ihnen jetzt in der lustigen Kaiserstadt an der schönen blauen Donau geboten wird. An dem Spieß, der sich hier einmal am Herde gedreht hat, stecken jetzt die Bewohner der Phäakenstadt selbst, und ihre Lage wird nicht merklich dadurch gebessert, daß sich in dem Herd keine Kohle befindet. Durch die schlecht erleuchteten Straßen der ’schönsten Stadt der Welt‘, in denen die stolzen Prachtbauten hochstaplerisch zu protzen scheinen, führt man unsere Gäste jetzt zu den bleichen, hohläugigen Kindern, vor die Tore der wegen Koh­len- und Lebensmittelnot geschlossenen Heilanstalten, in die Kriegsküchen, wo der Mittelstand an den städtischen Resten des Hungertuches nagt. Von dem Mehl, das wir im Schleich­handel nicht erschwingen können, nehmen sie sich Souvenirs mit, um daheim den triumphierenden Landsleuten zu zeigen, was aus der Wiener Mehlspeise geworden ist […] Sie kommen zu uns wie Gentlemen, die Quartiere des Elends besichtigen“ (DZ 30.11.1918)

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