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Fest in deutscher Hand

Aufruf des Deutschmeister-Schützenkorps und des Wiener Bürger-Scharfschützenkorps, sich für die Interessen der deutschen Bevölkerung einzusetzen

Plakat,
WBR, PS, P-231223

Angehörige fremder Nationen sind auf der Straße oder in Straßenbahnwaggons vielfach Belästigungen, Beschimpfun­gen, ja sogar tätlichen Angriffen ausgesetzt, weil sie irrtümlich für Angehörige feindlicher Staaten gehalten werden. So werden Chinesen mit Japanern („Alle Kineser san Japaner!“, heißt die Formel in den Letzten Tagen der Menschheit), Nordamerikaner mit Engländern, Polen mit Russen verwechselt und attackiert.

 

Zeitungen appellieren an die Bevölkerung, Zurückhaltung zu üben, auch wegen des Fremdenverkehrs. Gleichzeitig wird mobilisiert. Der Fremdenhass gibt sich als patriotische Tu­gend und wird auch offiziell gepflegt. Alte, wohlbekannte Ge­schäftsschilder werden entfernt. Es gibt in Wien keine „Stadt Belgrad“ mehr und keine „Stadt Paris“ und keine „Englische Flotte“. In den Luxusgeschäften verschwinden Schilder wie „On parle Français“ und „English spoken“. Die chinesische Gesandtschaft verteilt an alle in Wien lebenden chinesischen Staatsangehörigen Kokarden in den chinesischen Farben. (NWT 27.8.1914)

 

„Gott strafe England!“ – Der Gruß entsteht in den Schüt­zengräben der Westfront. Bald ist er, aus dem Deutschen Reich kommend, auch in Wien verbreitet. Er soll etwa „Guten Tag“ ersetzen, die Anredeform „Gott strafe England!“ wird beant­wortet mit „Er strafe es!“ (ÖVZ 25.2.1915) Um den Gruß populär zu machen, werden auch Schilder pro­duziert.

 

Behörden mahnen, die fremdenfeindlichen Angriffe gegen alle Englisch Sprechenden zu unterbinden, denn unter ihnen be­finden sich auch in Wien lebende Amerikaner. Ame­rikanische Ärzte beiderlei Geschlechts sind in die Kaiserstadt gekommen, um für das Rote Kreuz und die verwundeten Soldaten zu arbeiten. Einer von ihnen, Frank C. Davis, der Präsi­dent der „American Medi­cal Association of Vienna“, berichtet, „während der letzten drei Monate in Wien dreimal insultiert worden“ zu sein. Einmal in der Straßenbahn, ein anderes Mal in einem Café und einmal im Türkenschanzpark. (NFP 4.2.1915) Leser wollen das Problem beheben, indem sie vorschlagen, dass Amerikaner in Wien zu­künftig Armbinden oder kleine amerikanische Flaggen tragen sollen. (NFP 7.2.1915)

 

Nach dem Vorbild Luegers verfolgt Bürgermeister Weis­kirchner einen deutschnationalen Kurs in der Stadtpolitik. Wien soll trotz aller Zuwanderung eine deutsche Stadt bleiben. Dabei sind den Stadtoberen die immer selbstbewusster werdende tschechische Gemeinde und ihre Kultur- und Bildungseinrich­tungen, die Sportvereine „Sokol“, vor allem aber die Komensky- Schule, ein Dorn im Auge. Seit den 1890er-Jahren kämpft die Gemeinde Wien gegen die tschechische Schule, verhindert in langwierigen Rechtsstreitigkeiten das Öffentlichkeitsrecht, setzt alle möglichen baubehördlichen Schikanen ein, um eine zweite größere Komensky-Schule zu verhindern.

 

Am Abend des 4. Juli 1914 finden in mehreren Lokalen im 3. Bezirk Pro­testversammlungen statt. Gegen 10 Uhr abends veranstalten die Teilnehmer einen Demonstrationszug über den Rennweg; sie singen nationale Lieder, schwarz-rot-goldene Fahnen sind mit dabei. Am 14. Juli wiederholen sich die Kundgebungen gegen die Komensky-Schule und bedienen die antislawische Stimmung. Tschechische Kreise stehen von Kriegsbeginn an unter Verdacht, keine loyalen Bürger des Habsburgerreiches zu sein und nicht für Gott, Kaiser und Vaterland in den Krieg ziehen zu wollen.

 

Die tschechisch-nationalistische Wochen­zeitung Ceska Viden wird zu Kriegsbeginn verboten, das Blatt Vidensky Dennik wendet während des Krieges viel Energie auf, um die antitschechischen Verdächtigungen festzuhalten und Denunziationen zurückzuweisen. In Linz kommt es zu Kriegs­beginn gar zu antitschechischen Ausschreitungen mit einem Toten und mehreren Verletzten. Die tschechische Gemeinde in Wien ist groß; beim Zensus 1910 geben knapp 100.000 Tsche­chisch als Umgangssprache an, über 460.000 kommen aus dem böhmisch-mährischen Raum. Die Volksgruppe stößt auf immer mehr Misstrauen und wird mit Argusaugen (siehe auch die Polizeiberichte) verfolgt.

 

Großzügig gibt sich Wien gegenüber den Verbündeten. Das Osmanische Reich wird hofiert, die türkische Fahne weht in Wien, der Islam ist seit der Annexion Bosnien-Herzegowinas Staatsreligion geworden. Am 21. Oktober 1915 konstituiert sich unter dem Ehrenpräsidenten Richard Weiskirchner ein Komi­tee zur Errichtung einer Moschee.

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