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Der Tod des Kaisers

Verstorberner Kaiser Franz Joseph aufgebahrt mit Polster im Rücken und mit Blumenschmuck

Aufbahrung Franz Josephs in Schönbrunn,
Illustrierte Kronen-Zeitung , 23.11.1916, S. 1, WBR

Am 21. November 1916 stirbt in den Abendstunden Kaiser Franz Joseph nach 68-jähriger Regierungszeit. Sein Tod spricht sich schnell herum in der Stadt. Am nächsten Morgen sind die Trafiken umlagert, alle Zeitungen sind sehr schnell ausver­kauft. Wien trägt Trauer, eine Ära ist zu Ende gegangen.

 

„Al­leen schwarzer Fahnen ziehen sich durch die Straßen. Von den Palastfronten der breiten, ver­einsamten Gassen und Plätze, von den glänzenden Kaufhäu­sern an den Hauptverkehrsstra­ßen der Stadt hängen die dunk­len Symbole der Trauer. Kein Haus fast, von dem nicht schon in der frühen Morgenstunde die Totenstandarte in dem kühlen Wind flattert. Vor einer Kunst­handlung staut sich der buntbewegte Strom der Passanten. Kaiserbilder sind da in reicher Anordnung zur Schau gestellt […] Die Menschen schauen und schauen, kommen und gehen. Stille Ergriffenheit spiegelt sich auf den Gesichtern. Den Wie­nern ist ja nicht bloß der Kaiser gestorben. Er war unser aller Vater, deshalb rennen die Totenlichter so bitteres Weh in die Herzen.“ (FB 23.11.1916)

Reiterstandbild für Franz Joseph

Sarg wird durch dicht besetzte Stehanskirche getragen

Trauerkondukt nach dem Requiem in der Stephanskirche „
Illustration aus der „Leipziger Illustrierten“ (WM, Inv.Nr. 54.915/34)

Beim Begräbnis und bei weiteren Trauerfeierlichkeiten anlässlich des Todes fällt auf, dass viele Männer einen Zylinder als feierliche Kopfbedeckung tragen. Die Hutmacher machen ein großes Geschäft, neue Hüte kosten zwischen 30 und 70 Kro­nen. (DZ 10.12.1916)

 

Otto Wagner schlägt in der Neuen Freien Presse vor, nach Entfernung des Burgtors, als Gegenstück zum Maria-Theresien-Denkmal und in gleicher Größe, ein Kolossal- Reiterstandbild des verewigten Kaisers zu errichten. Den Platz vor der Votivkirche, die in Erinne­rung an das missglückte Attentat errichtet wurde, lehnt Wagner ab. Das neue Franz-Josephs-Denkmal solle in der Hauptsache auf den Weltkrieg als Höhepunkt seines Wirkens verweisen. (RP 6.12.1916)

 

 

Licht in alte Gemäuer

Trauerzug mit Pferdekutsche bei Nacht, Menschen am Straßenrand, Fackeln

Der Trauerzug mit dem Sarg Franz Josephs vor dem Burgtor –
Illustration aus der „Leipziger Illustrierten“ (WM, Inv.Nr. 54.915/34)

Drei Wochen nach dem Tod des alten Kaisers ziehen in Schön­brunn die Handwerker ein. Das Schloss wird komplett restauriert, das eiserne Bett und der braun polierte Schreibtisch kommen auf den Dachboden.

 

Der neue Kaiser wohnt in Laxenburg, in Eckartsau, in Reichenau und auf Schloss Schwarzau im Steinfeld oder im Salonwagen des Hofzuges, der ihn zu den Fronten oder nach Ungarn oder in das deutsch-böhmische Hungergebiet bringt. Der neue Herr reist viel. Die Hofburg, von Kaiser Franz Joseph kaum mehr benützt, kommt wieder zu Ehren. Der junge Kaiser und seine Frau bringen wieder offene Fenster und Licht in die alten Gemäuer. (VZ 17.12.1916)

 

 

 

 „Was hat Ihnen der Krieg gebracht?“

Frau in antikem Kostüm versucht, Mann in Jagdkleidung und rauchender Pfeife von ihrem Schoß zu drücken

Französische Karikatur zum Tod von Kaiser Franz Joseph,
À coups de Baïonnette, 23.11.1916, S. 737, WBR

Anlässlich der drit­ten Kriegsweihnacht geht Max Winter in einem Brigittenauer Wohnhaus von Tür zu Tür und fragt die Parteien, was ihnen der Krieg gebracht habe.

 

Er hört Geschichten, die das ganze Desas­ter enthüllen. Kriegsinvalide, Witwen, Flüchtlinge, Frauen von Internierten erzählen von ihren Lebenskatastrophen. Kinder haben Krätze, können sich keine Schuhe leisten. Gerade ist eine 39-Jährige an Tuberkulose gestorben. Ratten plagen das Haus.

 

„Wenn nur der Krieg aus wär‘! […] Ich weiß nicht mehr, wie ich das Leben einteil’n soll. Fünf Monat‘ hab’n wir schon kein Fleisch gegessen und immer ist zu wenig Brot, und Frühstück gibt es kein’s. Kein Kaffee, keine Milch und Einbrennsuppen, ohne Fett geht’s net, und wenn wir Erdäpfel haben wollen, muß sich der Bub stundenlang um Petroleum anstell’n.“ (AZ 24.12.1916)

 

 

 

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