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Der Sturm auf den Friseurladen

Österreichischer und deutscher Soldat schlagen Kriegsgegner in Mörser blutig

Karikatur,
Die Muskete, 24.9.1914, S. 202, WBR

Am Samstag, den 1. August 1914, ereignet sich ein Aufse­hen erregender Zwischenfall: Als um 21.30 Uhr ein Straßen­bahnzug durch die Reinprechtsdorfer Straße fährt, ruft ein junger Mann plötzlich im Waggon: „Hoch Serbien!“.

 

Ob aus Spaß oder Ernst, wird nicht klar, doch die Lynchjustiz nimmt ihren Lauf.

 

Der junge Bursche muss Schläge, Ohrfeigen, Faust­watschen hinnehmen. Die Straßenbahn hält an; immer mehr Leute, auch Passanten, schlagen auf den Schuhmachergehilfen ein. Als die Polizei eintrifft, konstatiert sie mehrfache Blutbeu­len und Stichwunden im Gesicht und einen tiefen Schnitt in der Oberbauchgegend mit Verletzung der Leber; Heinrich Quendi wird in das Wiedner Krankenhaus gebracht. (NWT 3.8.1914)

 

Weil „abenteuerlichste Gerüchte“ (NFP 5.8.1914) die Runde machen und Berichte von einer Besetzung des montene­grinischen Lovcén, der Vernichtung der baltischen Flotte Russ­lands oder der Beschießung Kronstadts von Mund zu Mund gehen, bittet das k. k. Telegraphen-Korrespondenzbureau die gesamte Bevölkerung um Mithilfe, falsche oder „aufgebauschte Nachrichten radikal zu unterdrücken“ (NFP 5.8.1914) und nur den amtlichen Verlautbarungen zu glauben.

Am 3. August 1914 umlagern Tausende aus falscher Be­geisterung das deutsche Konsulat am Graben, weil sie von einem Sieg gehört haben. Die Polizeikorrespondenz berichtet von den weiteren Ereignissen, deren Opfer ein Friseur in der Habsburgergasse wird: Marko Radojcic soll gegenüber einem Kunden eine Österreich-feindliche Äußerung gemacht haben. Irgendwie spricht sich dies bis zur Demonstration herum.

 

„Der Leute, die auf dem Graben standen und durch die falsche Sie­gesnachricht ohnehin sehr erregt waren, bemächtigte sich die allergrößte Erbitterung. Vom Konsulat weg, eilten Hunderte in die Habsburgergasse und in den nächsten Minuten waren von der entrüsteten Menge die Fenstertafel des Friseurgeschäf­tes zertrümmert. Das Portal, die Firmenschilder, ja sogar die messingenen Seifenschüsseln, das Zeichen des Raseurs, waren zerschlagen. Radojcic selbst, der auf der Straße stand, wurde von den Leuten angegriffen und mißhandelt. Rasch war die Sicherheitswache herbeigeeilt und entriß den zu Tode erschro­ckenen Friseur den Händen der aufgeregten Menge, die den Akt der Lynchjustiz fortgesetzt hätte. Radojcic wurde zum Po­lizeiamt Innere Stadt gebracht und dort einvernommen. Einige junge Leute trugen Stücke des zerschlagenen Türrahmens und die Metalleisenschüsseln unter Hochrufen als Trophäen über den Graben.“ (AZ 5.8.1914 und Prozessbericht NWJ 17.10.1914)

 

Am gleichen Abend wird das Redaktionslokal des Kikeriki, des Wiener Witzblatts der Christlichsozialen, gestürmt und demo­liert; die Zeitschrift hatte sich mit Scherzen über Kriegsminis­ter Alexander von Krobatin und den Armeeoberkommandanten Conrad von Hötzendorf den Unmut zugezogen.“Es entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik, daß dem Blatte seine Kriegs­hetze von kriegsbegeisterten Bürgern so übel belohnt wurde.“ (AZ 5.8.1914)

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