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Der Kriegsbürgermeister

Zeitungsillustration: Soldaten mit Pferd und Kanone; Text: "Wir sind bereit!"

Zeitungsausschnitt, Illustrierte Kronen-Zeitung, 27.7.1914, S. 2, UB

Bürgermeister Richard Weiskirchner schaltet sich in die propagandistische Mobilisierung ein. Am Abend des 25. Juli fährt er demonstrativ im offenen Auto über die Ringstraße zum Kriegsministerium. Auch am nächsten Tag, einem vorerst regnerischen Sonntag, ist er in der Einschwörung auf den Krieg aktiv. 2.000 Angestellte der städtischen Straßenbahn ziehen zum Rathaus und werden vom Bürgermeister samt Stadträten empfangen.

 

Uniformträger werden mit Geld und Geschenken bedacht. Am 28. Juli 1914 erfolgt die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, der Kaiser erlässt das Kriegsmanifest An meine Völker!. Kardinal Fürsterzbischof Friedrich Gustav Piffl richtet einen Hirtenbrief an seine Diözesanen, worin er Betstunden für den Kaiser, das Heer und das Vaterland anordnet.

Patriotische Kundgebungen auf den Straßen reißen in diesen Tagen nicht ab, der Reichsbund der Veteranen zieht vor das Rathaus, Musikkapellen machen Stimmung, patriotische und Soldatenlieder werden gesungen, der Verband der mili­tärisch organisierten Knabenhorte Wiens lässt 350 Jugend­liche in Horttracht aufmarschieren, vor der deutschen und italienischen Botschaft gibt es immer wieder Sympathiekundgebungen für die verbündeten Mächte.

 

Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde erinnert in einem Aufruf an die traditionelle Opferfreudigkeit der Juden. In einigen Bezirken initiieren christlichsoziale Bezirksvorsteher patriotische Kundgebungen. Der Deutsche Nationalverband sorgt sich um einen pro­minenten Platz bei der feierlichen Rückkehr des Kaisers und fährt in einer Autoparade nach Penzing.

Erfundene olympische Disziplinen, bei denen die Kriegsgegner Frankreich, Serbien, Russland, Montenegro, Japan und England satirisch dargestellt werden

Die Feinde in der Karikatur,
Die Muskete, 10.9.1914, S. 192, WBR

Am 29. Juli tagt der Wiener Gemeinderat in einer au­ßerordentlichen Sitzung voll patriotischem Pathos. Trotz der Gemeinderatsferien sind die Mitglieder der christlichsozialen Mehrheitsfraktion und der liberalen Opposition vollzählig erschienen. Weiskirchner gibt das Pathos vor: „Schon seit lan­gem hat ein hartnäckiger und haßerfüllter Feind unsere Grenze beunruhigt und uns trotz aller langmütigen Friedensliebe zu Schutzmaßnahmen gezwungen.“ (Wiener Kommunal-Kalender 1915)

 

Erste Maßnahmen werden erörtert, eine Zentralstelle der Fürsorge wird eingerichtet, ein Aufruf gegen Preisstei­gerungen verkündet. Richard Weiskirchner, von Jänner 1913 bis Mai 1919 Bürgermeister von Wien, wird sich noch öfter während des Krieges ins Zentrum des öffentlichen Geschehens spielen. Bis zum Tod Kaiser Franz Josephs im November 1916 füllt er informell die vakante Stelle des kriegsbegeisterten Zeremonienmeisters in der habsburgischen Reichshaupt- und Residenzstadt.

Der Kaiser, zum Zeitpunkt des Kriegsmanifests am 28. Juli 1914 fast 84 Jahre alt, ist zu müde und geschwächt, um in angemessener Form Ovationen, Demonstrationen oder Jubelfeiern abzunehmen und sie rhetorisch zu steuern. Er lebt und arbeitet zurückgezogen in Schloss Schönbrunn und zeigt sich nur mehr ganz selten. Seine Entourage hat den Auftrag, Massen fernzuhalten.

 

Der ohne Parlament regierende österrei­chische Ministerpräsident Stürgkh ist zu Kriegsbeginn weder populär noch bereit, sich in öffentlichen Auftritten zu insze­nieren. Am ehesten stellt sich in der Öffentlichkeit der österrei­chisch-ungarische Kriegsminister Alexander von Krobatin der patriotischen Erwartung. Weiskirchner ist immer vorne dabei.

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