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Der Kartoffelkrieg

Tödlich verunglückte Hamsterer: Leistenbruch wegen schwerem Rucksack. Absturz in den Bergen nach Völlerei. Aufgeplatzer Bauch beim Fressen. Auf Flucht vor Gendarm ertrunken.

Spott für Hamsterer – Karikatur,
Die Muskete, 11.4.1918, S. 13, WBR

Die prekäre Situation der Lebensmittelversorgung spitzt sich zu, die angespannte Versorgungslage nimmt eine neue Di­mension an. Es wird in aller Härte und Brutalität ums Überle­ben gekämpft.

 

Das merkt man auch daran, dass die Masse der Hungernden, allen voran Frauen und Kinder, mehr und mehr zu gewalttätigen Aktionen neigt, in denen gestohlen und geraubt wird, was sich an Lebensmitteln anbietet. Der Polizeibricht vom 17. Juni 1918 spricht diesen Tatbestand beispielhaft an:

 

„So sammelten sich um ca. ¾ 3 nachm., offenbar in der Absicht zu plündern, 200 jugendliche Arbeiter auf dem Favoritenplatze an. Sie wurden teils auf dem Favoritenplatze selbst, einzelne Gruppen, die bis in den 4. Bezirk gelangt waren, auch erst dort zerstreut. – Auch in den Nachmittagsstunden führten Anker­brotwagen, von Sicherheitswache begleitet, Brot aus der Ankerbrotfabrik in die einzelnen Filialen der Firma. Hiebei kam es neuerlich zu Zusammenstößen mit jugendlichen Exzedenten, die die Wagen zu plündern suchten. Hiebei  fiel ein 13jähriger Bursche einem der Wagen in die Zügel, während ca. 100 andere Personen das Gefährt umringten. – Auf dem Wege zur Anker­brotfabrik, den die zum Schutze dieses Betriebes bestimmten Wachleute gegen Mittag in dem Auto der Firma zurücklegten, wurden sie kurz vor dem Einlangen in der Fabrik von Frauen und Jugendlichen beworfen. Sechs Wachleute wurden durch Steinwürfe leicht verletzt. – In den späteren Nachmittagsstun­den wurden der Firma Mendl von den Bahnhöfen insgesamt 12 Wagen mit Mehl zugeführt. Die Begleitung dieser Transporte durch entsprechende Wachkontingente wurde veranlasst. – In etwa dreißig Fällen hatte die Sicherheitswache im X. Bezirke gegen Gruppen von Jugendlichen einzuschreiten, die in Ge­schäftsstellen in Plünderungsabsicht eindringen wollten. Hiebei wurden 5 Personen, durchwegs im Alter unter 15 Jah­ren, zumeist wegen Sachbeschädigung und Werfens von Stein gegen die Sicherheitswache arretiert. Gegen die Verhafteten ist die Strafamtshandlung eingeleitet.“

 

Bruno Frei fährt im Juli 1918 auf der Stammersdorfer Lokalbahn bei der Kartoffelbeschaffung mit. Die Empörung seiner Reportage richtet sich eindeutig gegen die Bauern, die sich in den Dörfern nördlich des Bisamberges hofieren lassen und beim Kauf von Kartoffeln alles verlangen oder ablehnen. Geld ist oft unerwünscht, aber „Blusn ham ma scho a a scho gnua“. Wucherpreise sind die Regel, aber werden trotzdem bezahlt. (DNA 10.8.1918)

 

„Bei der Abfahrt am Franz Josefs-Kai beginnt der Rum­mel. Scharenweise ziehen die Pilger, drängen sich in lebens­gefährlicher Wut in die heranfahrenden Wagen. […] Wie ein vollgesaugter Schwamm setzt sich der Zug in Bewegung; an allen Flanken hängen Menschenleiber […] Stammersdorfer Lo­kalbahn. Alle vierzehn Tage fuhr einst ein Fahrgast aus Wien auf dem Zügelchen. Heute drängen sich täglich viermal 2000 Menschen in offene ‚Luri‘ und in geschlossene Viehwagen, über hundert in einen, um das Ziel der vieltausendfachen Sehn­sucht, die kleinen, gelben Kartoffel als Beute heimzutragen.“ (DNA 10.8.1918)

 

Menschen stürmen den überfüllten "Kartoffel-Zug". Bauern sehen Städtern bei der Feldarbeit zu. Text: "Recht fleissi' soan's - dö Stodtleut!"

Hamsterfahrt in das Wiener Umland,
Illustrierte Kronen-Zeitung, 22.7.1917, S. 1, WBR

Die Verordnung vom 22. Juni 1918, die die Beschlagnahme aller in Österreich geernteten Kartoffeln „bis [zur] restlosen Aufbringung der zur Ernährung der Bevölkerung hinreichenden Kartoffelmenge“ neuerlich anordnet, wird von denen „Hamste­rern“ zur Kenntnis genommen – und, wie bereits bisher, nicht befolgt. Trotz Verbots rücken tagtäglich, natürlich verstärkt an den Wochenenden, Tausende aus, um die begehrten Frühkartof­feln zu bekommen. Manche Bauern wollen nicht verkaufen und sperren ihre Höfe.

 

Kartoffelhungrige Wienerinnen und Wiener begeben sich auf illegale Touren, ernten in eigener Regie, zie­hen Kartoffeln aus der Erde, obwohl sie noch nicht ausgereift sind. Auf der Straße von Stammersdorf werden etwa dreißig Leute mit Rucksäcken, vornehmlich Frauen, gegen zwei Uhr nachts von einem Auto gestoppt. Junge Burschen steigen aus und rauben einigen Frauen die Rucksäcke und rasen davon. Die örtliche Polizei weigert sich lange, gegen die Täter vorzugehen und den Frauen die Rucksäcke zu retournieren. (AZ 3.7.1918) In Stammersdorf werden sechzehn illegale Kartoffelsammler verhaftet und dem Gericht übergeben. (RP 1.8.1917) Ein tra­gischer Tod ereignet sich an der österreichisch-ungarischen Grenze in Sauerbrunn; ein zwölfjähriger Schüler aus Wien, mit einem Rucksack voller Kartoffeln unterwegs, wird von Grenzpolizisten gejagt und dabei von einem Zug überfahren. (ÖVZ 30.7.1918) „Selbst die grünen Markierungen zwischen Stadt und Land scheinen bereits feindliche Linien geworden, hinter denen es Geplänkel gibt, die durchaus nicht so harmlos sind.“ (NWT 25.8.1918)

 

Im August 1918 bedienen sich die Landes- und Ortsbe­hörden einer schärferen Gangart, sie wollen die Verordnung über das Kauf- und Verkaufsverbot exekutieren. „Die strengste Ueberwachung des Kartoffelverkehres sowohl in den Kartoffel erzeugenden Gemeinden als auch auf den Bahnstationen und den Linien-Verzehrungssteuerämtern ist verfügt worden.“ (FB 5.8.1918)

 

Die bisher geübte Nachsicht und laxe Geset­zespraxis hat ein Ende, angeblich weil Schleichhändler sie ausnützten. In Wien werden bei reichen Haushalten und Re­staurants Preise bis zu 6 Kronen pro Kilo (statt 1,3 Kronen) erzielt. Auf den Bahnhöfen zwischen Tulln und Wien müssen nun die Rucksackträger einen Kordon von Gendarmen und Landsturmsoldaten passieren; hat jemand mehr als fünf Kilo Kartoffeln oder Getreide dabei, werden sie ihm abgenommen. (FB 25.8.1918) An den Gemeindeämtern und Kirchentüren der Dörfer werden Edikte angeschlagen, die für den Ab-Hof-Kar­toffelverkauf Strafen bis zu 20.000 Kronen ankündigen.

 

Drei Frauen verlassen die Stadt in Mänteln mit Rücksäcken. Ohne Kleidung kehren sie zurück, dafür behängt mit Gemüse und Paketen.

Übergriffe gegen hamsternde Frauen – Karikatur,
Die Muskete, 5.9.1918, S. 183, WBR

Bereits im Sommer 1917 war es zu einer scharfen poli­tischen Kontroverse gekommen; Bürgermeister Weiskirchner verteidigte damals energisch die ins Land ausströmenden Erdäpfelkäufer: „Ohne Rucksackverkehr wären wir längst verhungert.“ (zit. nach ÖVZ 28.8.1918) Auch im Sommer und Frühherbst 1918 gibt es wieder enormen Druck – und den Rückzieher. „Das radikale Verbot des Rucksackverkehrs mußte aus begreiflichen Gründen bald wieder zurückgezogen werden und der Kampf gegen diese besondere, besonders in gewissen Auswüchsen zu einer wahren Landplage gewordenen Erschei­nung zerfiel bald in systemlose Einzelaktionen, die von Land­gemeinden, Bezirkshauptmannschaften, Gendarmen, Verkehrs­organen usw. geführt wurden.“ (FB 30.8.1918)

 

Rudolf Hawel nennt Wien eine belagerte Stadt, obwohl es durch keine feindliche Armee belagert wird. „Denn die Zufuhr von Lebensmitteln ist von solchen Schwierigkeiten begleitet, daß es bei einer wirklich belagerten Stadt, der alle Zufuhren abgeschnitten sind, nicht ärger sein kann. Wehe dem, der es wagt, irgend etwas in die Stadt zu schmuggeln. Schon im meilenweiten Umkreis sind bis an die Zähne bewaffnete Wächter aufgestellt, die den Schmuggler verfolgen und ihm sogar unbarmherzig, unbekümmert ob Mann oder Kind, eins auf den Pelz brennen, so daß der Unglückliche die Sehnsucht nach einem Kilo Erdäpfel mit dem Leben bezahlen muß.“ (ÖVZ 25.8.1918)

 

Die zentralen Behörden schwenken schlussendlich um, wollen nun eine allgemeine Lösung, ersinnen neue Mittel, die Versorgung in den Griff zu bekommen. Ende September 1918 kommt die Verordnung, die den gordischen Knoten zerschlagen soll. Personen, die zum Einkauf aufs Land fahren und Kartof­feln selber einlagern wollen, können dies in Zukunft tun; sie müssen allerdings im Konskriptionsamt eine Kartoffelver­zichtserklärung abgeben und sich die Kartoffelkarte stempeln lassen. (AZ 27.9.1918)

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