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Brückenkopf Wien

Menschen plündern Marktstände

Teuerungskrawalle zu Kriegsbeginn
Illustrierte Kronen-Zeitung, 30.7.1914, S. 7, UB

Die Kriegserklärung am 28. Juli geht einher mit kräftigen Preissteigerungen auf Märkten. Es kommt zu Hamsterkäufen, viele Familien kaufen Mehl und Kartoffeln auf Vorrat ein. Besonders heftig sind die Reaktionen auf dem Yppenmarkt; Bauern, die dort Kartoffeln zu erhöhten Preisen verkaufen, werden tätlich bedroht. Bürgermeister, Vizebürgermeister, Stadträte und städtische Beamte visitieren regelmäßig an den nächsten Tagen verschiedene Märkte und achten auf die Preisnotierungen. Am Favoritner Markt ist einer Frau der Preis eines „Beuschels“ zu hoch. Der Fleischhauer löst mit seiner Antwort – „Gehen S‘ halt nach Serbien, da kriagn S‘ jetzt Beu­scheln g’nua!“ – bei den versammelten Einkäuferinnen große Empörung aus. Sein Stand muss so­fort gesperrt werden. (AZ 31.8.1914)

 

Bereits Anfang September sind die galizischen Fleischzufuhren auf einen Tiefstand gesunken. Ein erheblicher Teil des angebotenen Fleisches geht an die Konserven­fabrikation zur Deckung des Hee­resbedarfs. Der Auftrieb auf den Viehmärkten ist im Verhältnis zum Bedarf ungenügend. Eine Vertre­tung der „Reichsorganisation der Hausfrauen Österreichs“ (Rohö) spricht bei Bürgermeister Weis­kirchner vor und beklagt die Verteu­erung von Kohlen, Zucker, Erdäpfeln oder Eiern. Ihrer Ansicht nach ist ein Hauptgrund der Verteuerung die Transportlogistik; die Eisen­bahn ist von der Militärverwaltung besetzt, Pferde und Fuhrwerke sind requiriert worden. Als Verbesse­rungsmaßnahme schlagen sie vor, die Straßenbahnen in der Nacht in Betrieb zu halten und kommunale Verladeplätze einzurichten. (DZ 9.10.1914) Die Ge­meinde Wien gibt ein offizielles Bulletin heraus, um Gerüchten von der großen Hungersnot in Wien ent­gegen zu treten; Statistiken sollen beweisen, dass weder die Preise noch die Arbeitslosigkeit merklich gestiegen sind. (TR 30.10.1914)

 

Dennoch ist unübersehbar, dass die Regierung die Versorgung nicht ausreichend geplant hat. Die Bewirtschaftung des Hinterlandes wurde nicht oder nur mangelhaft in die Kriegsplanung einbe­zogen. Die Getreide- und Fleischlieferungen aus Ungarn funktionieren nicht mehr. Innenminister Karl Freiherr von Heinold sieht wegen der aus­bleibenden Kohlenzufuhr eine Krise ausbrechen. Die Industrie kann für das Militär weder genug Munition noch Lastwagen liefern. Die Nachschub­probleme sind enorm. Bei Medikamenten dauert es bis zum 24. September, bis Österreich-Ungarn, das keine pharmazeutische Industrie besitzt, wie­der Importe aus dem Deutschen Reich beziehen kann. Ab Oktober herrscht in Wien Getreideknapp­heit; Mehle werden gestreckt. Im Dezember 1914 sind bessere Mehlsorten auf den Wiener Märkten nicht mehr zu bekommen. Die Militärs haben auf den kurzen Krieg und schnellen Sieg gesetzt. Bei­des gibt es nicht. Die Ermächtigungsverordnung vom 10. Oktober 1914 legitimiert alle zukünftigen Eingriffe ins Wirtschaftsleben (die Schaffung von Zentralen, die Einführung der Karten) und soll das Chaos in den Griff bekommen.

 

Eine gewisse Panikstimmung gibt es beim Geldverkehr. Geld wird vermehrt abgehoben, Münzen werden zurückgehal­ten; zur Abhilfe druckt die Nationalbank 2-Kronen-Banknoten. Um Massenabhebungen bei den Zentralsparkassen zu verhin­dern, verweist Weiskirchner wiederholt darauf, dass die Ge­meinde Wien mit ihrem Vermögen für alle Einlagen haftet und fordert die Bevölkerung auf, kein Kleingeld zu horten und die Bankgeschäfte in gewohnter Weise fortzusetzen.

 

Amtsperson prüft Preise an Marktstand

Der Preisprüfungskommissar mit Glocke zur
Höchstpreisfixierung auf dem Markt
Illustrierte Kronen-Zeitung, 12.8.1914, S. 12, UB

Laufend werden Sicherungsmaßnahmen für die städtische Infrastruktur erlassen. Die Wiener Wasserleitungen werden bewacht. Das Stehenbleiben auf Brücken, auf Bahnübergangen und in Unterführungen wird untersagt. Telephonabonnenten werden aufgefordert, nur jenen die Benützung der Apparate zu gestatten, die sich einwandfrei legitimieren. Hausbesorger sollen wachsam sein, vor allem Leitungen auf den Dächern und Mauerkästchen in den Höfen im Auge haben. Die Brücken wer­den in der Nacht von Scheinwerfern angestrahlt. Es herrscht hysterische Nervosität in der Stadt. Die Polizeiberichte doku­mentieren Schießereien, die die Erregung weiter steigern.

 

Am 21. August wird verlautbart, dass, um vor Überra­schungen bei einem langen Krieg sicher zu sein, Fortifikati­onsarbeiten an der Donaulinie in Angriff genommen werden. Die nächsten Wochen und Monate wird der schon länger in Planung befindliche „Brückenkopf“ im Wienerwald, am Bisamberg, in der Lobau ausgebaut. Krems, Tulln, Pressburg sind weitere Schwerpunkte in der Befestigung des österreichischen Zentrallandes. Wien will mit Geschützen, Stellungen, Mann­schaftsunterkünften, Beobachtungsständen, Telefonzentralen und Stacheldrahtverhauen für das mögliche Eindringen feind­licher Armeen vorbereitet sein. Das Betreten von Aussichts­warten im Wienerwald ist seit Kriegsbeginn verboten. Spionen soll möglichst die Arbeit schwer gemacht werden, so wird auch das Fotografieren und Zeichnen im Wienerwald untersagt.

 

 

Auch die Geschäfte passen sich der neuen Lage an. Die Wiener Auslagen haben sich „sonderbar verändert“ (DZ 15.8.1914). In fast allen Schaufenstern hängen Rot-Kreuz- Plakate. Die Buchhandlungen bieten Landkarten an; auch nach den Baedekern von Russland und Frankreich herrscht große Nachfrage. Die Spielwarengeschäfte lassen österreichische und deutsche Bleisoldaten aufmarschieren, Kinder können sich auch mit U-Booten (Dreadnoughts), gepanzerten Aeroplanen und Maschinengewehren in Miniaturform eindecken. Leder­warengeschäfte bieten Accessoires für die Einberufenen feil, Papierhandlungen werben mit Ansichts- und Bildpostkarten.

 

Der Geburtstag des Kaisers wird mit der Ausschmückung der Straßen und Häuser vorbereitet. Wien präsentiert sich am 17. und 18. August als Feststadt. Am Abend finden Feiern, Um­züge, Feuerwerke oder ein Zapfenstreich statt. Auf der beson­ders schön geschmückten Stadtbahnstation Margaretengürtel ist eine lebensgroße Kaiserbüste mit einem Transparent pos­tiert: „Adler Oesterreichs / Gott mit Dir!/ Deiner würdig/ Fol­gen wir!“ Die Saisoneröffnungsvorstellung des Volkstheaters wird zur Geburtstagsfeier umfunktioniert. Zu Ehren des Tages wird der Lokalzugsverkehr mit St. Pölten mit drei Zugspaaren wieder aufgenommen.

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