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Warum einem Attentat gegen einen ungeliebten Thronfolger ein Weltkrieg folgen sollte

Keine europäische Großstadt hat im und nach dem Ersten Weltkrieg eine Metamorphose ähnlicher Art erlebt: Wien, zur Hauptstadt eines kleinen Restes eines mächtigen Imperiums degradiert, wurde in Europa zum Synonym für einen umfassenden urbanen Niedergang. Der triste Hungeralltag seiner Einwohnerinnen und Einwohner machte aus der einst glanzvollen Metropole eines Großreiches, in der der Kaiser eines Imperiums von 53 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern residierte, eine „sterbende Stadt“.

Abkürzungen von Zeitungen, Zeitschriften und Publikationen

In den Beiträgen des Blogs „Wien im 1. Weltkrieg“ wird unter anderem aus folgenden Zeitungen, Zeitschriften und Publikationen zitiert: mehr

Die serbische Schmach

Zeitungsillustration: Uniformierte transportieren ermordetes Thronfolger-Ehepaar ab

Der sterbende Thronfolger und seine tote Frau im Konak von Sarajevo, Illustrierte Kronen-Zeitung, 1.7.1914, S.1, UB

Am 27. Juni 1914 reist Kaiser Franz Joseph nach seinem Sommersitz in Ischl ab. Die Abfahrt wird als öffentliches Er­eignis zelebriert; viele wünschen dem Kaiser, der gerade von einer schweren Krankheit geheilt ist, beste Genesung im Salz­kammergut. Doch kaum angekommen, schreckt das Attentat von Sarajevo die Welt auf.

 

Am Sonntag, den 28. Juni 1914, ermordet Gavrilo Princip, ein bosnischer Student serbischer Nationalität, Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau. Wien verlangt ein Ende der von Serbien zugefügten Schmach und sendet kriegerische Drohungen aus. Von öster­reichischer Seite wird von Anfang an gemutmaßt, dass die Hintermänner der Tat in Belgrad sitzen. mehr

Schluss mit dem Frieden

Schlagzeilen zum Ablauf des Ultimatums

Pressemeldung zum Ablauf des Ultimatums an Serbien, Illustrierte Kronen-Zeitung, 26.7.1914, S. 1, UB

Gewitterstimmung in Wien, nicht nur meteorologisch. Am 23. Juli 1914 wird ein Ultimatum in Belgrad übergeben. Wien geht davon aus, dass Belgrad nicht annehmen kann. Die Kriegs­erklärung ist bereits vorbereitet. Verschiedene Kundgebungen heizen die Stimmung an.

 

Der christlichsoziale Reichsratsabge­ordnete Heinrich Mataja bereitet bei einer Massenkundgebung in Wickenhausers Restauration „Zum städtischen Bad“ bereits die Entscheidung vor: „Jetzt ist Schluss mit dem Frieden um jeden Preis.“ Österreich-Ungarn habe das Recht, am Balkan de­finitiv Ruhe herzustellen. Vor die Wahl gestellt zwischen Krieg und Zugrundegehen, müsse ein tatkräftiges und gefürchtetes Österreich das Recht mit Waffen erkämpfen. Oder Serbien solle vor allen Forderungen kapitulieren. mehr

Der Kriegsbürgermeister

Zeitungsillustration: Soldaten mit Pferd und Kanone; Text: "Wir sind bereit!"

Zeitungsausschnitt, Illustrierte Kronen-Zeitung, 27.7.1914, S. 2, UB

Bürgermeister Richard Weiskirchner schaltet sich in die propagandistische Mobilisierung ein. Am Abend des 25. Juli fährt er demonstrativ im offenen Auto über die Ringstraße zum Kriegsministerium. Auch am nächsten Tag, einem vorerst regnerischen Sonntag, ist er in der Einschwörung auf den Krieg aktiv. 2.000 Angestellte der städtischen Straßenbahn ziehen zum Rathaus und werden vom Bürgermeister samt Stadträten empfangen.

 

Uniformträger werden mit Geld und Geschenken bedacht. Am 28. Juli 1914 erfolgt die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, der Kaiser erlässt das Kriegsmanifest An meine Völker!. Kardinal Fürsterzbischof Friedrich Gustav Piffl richtet einen Hirtenbrief an seine Diözesanen, worin er Betstunden für den Kaiser, das Heer und das Vaterland anordnet. mehr

Der Sturm auf den Friseurladen

Österreichischer und deutscher Soldat schlagen Kriegsgegner in Mörser blutig

Karikatur,
Die Muskete, 24.9.1914, S. 202, WBR

Am Samstag, den 1. August 1914, ereignet sich ein Aufse­hen erregender Zwischenfall: Als um 21.30 Uhr ein Straßen­bahnzug durch die Reinprechtsdorfer Straße fährt, ruft ein junger Mann plötzlich im Waggon: „Hoch Serbien!“.

 

Ob aus Spaß oder Ernst, wird nicht klar, doch die Lynchjustiz nimmt ihren Lauf.

 

Der junge Bursche muss Schläge, Ohrfeigen, Faust­watschen hinnehmen. Die Straßenbahn hält an; immer mehr Leute, auch Passanten, schlagen auf den Schuhmachergehilfen ein. Als die Polizei eintrifft, konstatiert sie mehrfache Blutbeu­len und Stichwunden im Gesicht und einen tiefen Schnitt in der Oberbauchgegend mit Verletzung der Leber; Heinrich Quendi wird in das Wiedner Krankenhaus gebracht. (NWT 3.8.1914) mehr